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21.10.2017

Berliner Morgenpost: Warten auf den nahen Sieg der Weltrevolution

Milo Raus "Lenin" an der Schaubühne

Der Revolutionsführer ist nackt! Ruppig ziehen die Helfer Lenin aus, ruppig drückt sein Leibarzt an dessen Auge herum, ruppig schiebt er ihm das Thermometer in den blanken Hintern. Wo täglich Menschen Hungers sterben, ist man auch mit den Helden der Revolution nicht zimperlich. Was hier an der Schaubühne berührt, weil Lenin nicht nur nackt, sondern auch eine Frau ist: Ursina Lardi liegt da im gediegenen Holzbett, noch mit ihren langen blonden Haaren, und lässt sich herumverfrachten wie ein Stück Vieh.

Dass dieser weibliche Lenin, der hier in den letzten Jahren und Monaten vor seinem Tod im Januar 1924 gezeigt wird, allerdings nur bedingt Mitleid heraufbeschwört, liegt daran, dass er auch ordentlich austeilt. Regisseur und Autor Milo Rau hat eine große Lust daran, zu jedem Argument ein Gegenargument zu bringen. So will Lenin, der hier in seiner detailfreudig bürgerlich eingerichteten Datsche vor sich hin vegetiert, am liebsten die Kinder erschießen, die ihn besuchen kommen.

Warum scheitern Revolutionen? Wo ist der Moment, in dem eine Idee pervertiert wird? Rau geht diese Fragen in seinem Stück "Lenin" mit ihm vertrauten Mitteln an: Unten kreist die Drehbühne mit historisch detailfreudigem Setting (einmal duftet's sogar nach Essen), schaffen zwei Kameramänner Bilder, die auf der Leinwand drüber eine Art Historienfilm ergeben. Links hängen die Kostüme, in die die Schauspieler zu Beginn schlüpfen, rechts steht der Spiegel, vor dem sich Ursina Lardi und die anderen nach und nach in alte, bärtige Männer verwandeln.

Das Faszinierende an Raus Arbeiten ist, dass man keine einfachen Wahrheiten geliefert bekommt, sondern widerstreitende Ideen, mitdenken muss. Zugleich zeigt er pralles Theater voller Verwandlungslust und -kunst, die immer dann geschickt gebrochen wird, wenn sie zu perfekt zu werden droht. Hier gibt es merkwürdige Pausen, lange Blicke in die Kamera, einen regietheaternden Ausbruch von Trotzki, als er sich an eine Theaterpremiere erinnert, die so nie stattgefunden hat. Wie ja auch die erst allmähliche Umwandlung der Schauspielergesichter betont, dass hier Menschen von heute agieren, die sich einem historischen Phänomen annähern, es zu begreifen versuchen – und uns dabei mitnehmen.

Wunderbar ist es, Ursina Lardi dabei zuzusehen, wie sie allein mit dem Blick regiert, streng, verständnislos – und wie diesem Lenin ganz offensichtlich die Macht abhandenkommt. Stalin übernimmt, bei Damir Avdic ein faszinierender Proll mit lauernder Gemütsbrutalität. Trotzki resigniert: Felix Römer zeichnet ihn mit österreichischem Charme als hellsichtigen Intellektuellen. Große realistische Schauspielkunst, als wär's ein Stück von Tschechow, die immer wieder ins Grelle kippt. Manchmal wechselt der Text ins Russische, deutsch untertitelt. Das alles stellt die Frage, wie authentisch so ein Abend über Lenin sein kann, darf, muss.

Überhaupt ist "Lenin" ein großes Nachdenken über das Theater, den Film und die Möglichkeiten der Darstellbarkeit. Das dicke Programmbuch mit dem Stücktext entschlüsselt detailliert die historischen und politischen Hintergründe. Die Tonspur mit Bach (Lenins Lieblingskomponist!), Pärt und Leonard Cohen verweist noch auf einen anderen Aspekt dieser Herz-Jesu-Kommunisten, die auf den nahen Sieg der Weltrevolution warten wie aufs Jüngste Gericht. Ihr Glauben allerdings hat nicht geholfen.


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