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18.11.2017

Berliner Morgenpost: Tanzen für den Weltfrieden

Nature Theater of Oklahoma zeigt „Pursuit of Happiness“, eine Western- und Kriegsfilmparodie, in der jeder Faustschlag durchchoreografiert ist

Cowboys schießen schneller als sie denken, prügeln sich bei jeder Gelegenheit und saufen wie ein Loch. Auch auf der Bühne des HAU 2. Nur warum sprechen sie in ihrem breiten Südstaatenakzent so komplexe, geschwollene Sätze, dass es einem in den Ohren orgelt? Komplexe Wortgirlanden sind das, von arroganter Schönheit, die zum Glück ebenso als Übertitel mitlaufen wie die pragmatischere deutsche Übersetzung.

Das Nature Theater of Oklahoma ist in Berlin. Legendär sind sie für ihre "Life and Times"-Reihe, deren erster Teil zum Theatertreffen 2010 eingeladen war und deren Folge-Episoden alle auch am HAU liefen, ein faszinierender Reigen aus künstlerisch verfremdeten Banalitäten einer amerikanischen Mittelklasse-Jugend. Irgendwo zwischen Überforderung, Über-Entertainment, Musical und Ironisierung spannt sich auch "Pursuit of Happiness", die das Spannungsfeld aus Kunst und Leben weiter beackert. Diesmal hat sich das Nature Theater of Oklahoma (die amerikanische Truppe um Pavol Liska und Kelly Copper zitiert mit ihrem Namen Franz Kafkas Theater-Utopie aus "Der Verschollene") mit der EnKnapGroup zusammengetan, Sloweniens einziger fester Compagnie für zeitgenössischen Tanz.

Und getanzt wird! In einer billig hingezimmerten Saloon-Bar, die sich quer durch die Western-Klischees zitiert, ist jedes dahinsausende Whiskeyglas, jeder Griff zum Colt, jeder Faustschlag durchchoreografiert, während die Worte offensichtlich von Künstlern stammen, die sich selbst zu wichtig nehmen. So richtig ausgelassene Folktänze aber, mit wild vom Körper geworfenen Gliedern, lässigen Hüft-Rhythmen, Reigen und Polonaisen entfalten sich in Perfektion, als Bence Mezei, eben noch der missmutige Barmann im Saloon, den Kollegen seine Drehbuch-Idee erzählt. Die führt in den Irak, mitten ins Kampfgebiet zwischen US- und Rebellen-Truppen. Motto: Tanzen für den Weltfrieden! Mit Federboas, ausladendem Kopfschmuck, bepinselten Gesichtern.

Natürlich geht das schief, trotz etlichen Litern jenes österreichischen Gesöffs (die Produktion hatte in Graz ihre Uraufführung), das angeblich Flügel verleiht. Aber wie die Tänzer in der Wüste scheitern und schwerverletzt den Rückzug antreten müssen, ist als Kriegs- und Ballerfilmparodie hochnotkomisch! Klug zudem, weil das Nature Theater reihenweise sowohl US-amerikanische Gewissheiten und Überzeugen einreißt (deshalb das rustikale Setting) als auch die Selbstüberschätzung vieler Kunstschaffenden ironisiert. Überhaupt toll, wie die Tänzer – neben Mezei sind das Luke Thomas Dunne, Ida Hellsten, Ana Štefanec, Jeffrey Schoenaers und Lada Petrovski Ternovšek – spielen und sprechen, als ob das ihr Kerngeschäft wäre.

Der Titel bezieht sich auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, in der das Streben nach Glück zu einer der drei unveräußerlichen Menschenrechte erklärt wird. Aber was ist Glück? Eine Aufgabe zu haben? Die Welt zu verbessern? Etwa durch Tanzen? Oder ein Werk zu schaffen, das man anschließend in die wirtschaftliche Verwertungskette einspeisen kann, wie es am Ende Mezei mit seinem Drehbuch tut?


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