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06.12.2011

nachtkritik.de: Ruf ins Dunkel der Netzgesellschaft

Kommentar zur Debatte um die Spielplanabstimmung des Hamburger Thalia Theaters 

6. Dezember 2011. Manipulation! Betrug! Autoritäre Köpfe, wohin das Auge blicket!, rufen die KommenatorInnen auf nachtkritik.de. Das Hamburger Thalia Theater, das vor einigen Wochen sein Publikum dazu aufrief, über den halben Spielplan der nächsten Spielzeit abzustimmen, trete die Netzdemokratie mit Füßen! Denn dem Aufruf folgten ein ungeahnter Hype um unbekannte Stücktitel, missverständliche Posts auf Thalias Facebook-Seite und offene Lobbyarbeit einiger Autoren. Hätte sich das das Thalia nicht denken können?, fragt der Postdramatiker auf seinem Blog. Die Häme ist groß, noch größer das Misstrauen: Steht das Abendland auf dem Spiel, gar die Demokratie?

Im Gegenteil. Das Hamburger Thalia, eine von Deutschlands renommiertesten Bühnen, hat etwas versucht, was auch in der Stadttheaterdebatte explizit gefordert wurde: Zuschauerpartizipation. Und zwar nicht nur vom treuen Abopublikum, sondern von allen, überall. Immerhin muss man bei der Abstimmung über vier Positionen des kommenden Spielplans (die drei erst platzierten plus ein Titel aus allen genannten) Namen und Adresse angeben, so dass Mehrfachvoten einigermaßen unwahrscheinlich werden (bzw. mit einigem Aufwand verbunden sind). Der Rest ist ein Rufen in den großen dunklen Wald der Netzgesellschaft (natürlich kann man auch per Post oder persönlich abstimmen) – ohne zu wissen, wie es von dort wieder herausschallt.

Schwarmintelligenz nicht garantiert

Das ist auch auf nachtkritik.de nicht anders. Auch wir haben unsere Erfahrungen mit der Netzgesellschaft gemacht. Von dort weht ein rauer Wind: Manipulationen lassen sich nie ausschließen. Und dass nun – nur zum Beispiel – aus den putzigen Flashmobs punktuell neuerdings auch Flashrobs werden (das meint Leute, die sich über Facebook zum Massenklauen verabreden, weil dagegen jeder Supermarkt machtlos ist), zeigt auch ziemlich deutlich, dass Schwärme im Netz nicht zwangsläufig auch die sprichwörtliche Schwarmintelligenz oder gar einen allgemeinen Nutzen produzieren.

War die Thalia-Öffnung Richtung Netzöffentlichkeit also blauäugig? "Nein", sagt Dramaturg Carl Hegemann, "wir wollten keine repräsentative Wahl, sondern Überraschungen." Schon in der ersten Pressemitteilung stehe ja, dass "dem Zufall Tür und Tor geöffnet" werde. Man wollte der Welt den Spiegel vorhalten, und siehe da: "Natürlich gibt's unter den Wählern Absprachen, Lobbyismus, Manipulationsversuche. Das ist in der parlamentarischen Demokratie nicht anders, trotz der Sicherungsinstanzen, die die haben."

Offensive der Lobbyisten?

Oder hapert's vielleicht nur an der Uneindeutigkeit der Sprache, in der der Partizipationsaufruf ans Publikum verfasst ist? Folgender Satz von der Thalia-Homepage lässt sich lesen, wie er ins jeweilige Weltbild passt: "Wir sind aber so optimistisch, anzunehmen, dass auch Internet-Wähler nicht alle bescheuert sind. Dass eine Mehrheit sich für ein Stück entscheiden könnte, das nicht mal eine Minderheit sehen will, ist ein absurder Gedanke."

Heißt das nun: Das Thalia wird alles dafür tun, dass es kein schlechtes Stück an die Spitze schafft, wie die Verschwörungstheoretiker vermuten? Oder will Hegemann damit sagen, dass auch die von Lobbys gepushten Stücke nicht ganz verkehrt sein können, weil schließlich niemand einen Text wählen würde, den er schlecht oder komplett misslungen findet? So jedenfalls erläutert Hegemann selbst seinen Aufruf im Gespräch mit nachtkritik.de. Dass dies so sei, sehe man doch auch daran, dass es im Zuge dieser Aktion auch Initiativen für einzelne Stücke über Facebook und das Internet gebe, es davon aber trotzdem nur wenige ins Thalia-Ranking schaffen.

Und diese Initiativen gingen garantiert nicht vom Thalia-Theater aus. Das bestätigt auch Annika Stadler, die die Facebook-Seite des Theaters betreut. Sie ist einigermaßen überrascht, dass die Ironie der Postings aus der Dramaturgieetage nur bedingt verstanden wird. "Wer sich über Jens Nielsens Stück 'Die Erbsenfrau' aufregt, kann sich doch mit seinen Freunden und der Familie zusammenschließen, um einen Gegenoffensive à la T. Halia Wilder starten. Zur Rettung des guten (gutbürgerlichen?) Geschmacks", heißt es etwa in einer Antwort auf einen User-Post. Auch sei die Fan-Page "Friedrich T. Halia Wilder", die zur Wahl von Stücken von "Marivaux, Wilder und Dürrenmatt" aufruft, kein Kind der Dramaturgie, sondern offensichtlich von theaternahen und -interessierten Bürgern gegründet worden. Was die Verdächtigungen gegen den aktuellen Kampnagel-Newsletter betrifft: Ich als regelmäßiger Leser (gerade weil sie immer so unglaublich subjektiv und respektlos sind, zu "Luxy" besonders) kann bestätigen, dass die schon immer so klangen.

"Freuen Sie sich nicht zu früh!"

Wirklich gar keine Manipulation, nicht mal Gelüste? Gegen eine Einmischung des Thalia sprechen jedenfalls die Zahlen: Bislang haben erst gute 1000 Leute abgestimmt – allein die Thalia-Facebook-Seite hat über 7000 Freunde. Außerdem behauptet Hegemann stoisch, die bisherigen Top-Plätze zu mögen: "Ich finde 'Peers Heimkehr' zum Beispiel eine richtig gute Idee, mit der wir uns in der Dramaturgie wahrscheinlich auch ohne die Abstimmung auseinandergesetzt hätten", behauptet Hegemann. Auch für die 'Erbsenfrau' oder 'Jack the Ripper' hat er angeblich ein Herz.

Egal, ob das nun Schönrednerei ist oder aufrichtiges Interesse: Erheblich ist diese Wahl im postdramatischen Zeitalter ohnehin nur bedingt. Schließlich steht die Art der Umsetzung nicht zur Wahl. "Freuen Sie sich nicht zu früh!", warnt auch das Thalia Theater (ironisch): "Die Umsetzung auf der Bühne bestimmen immer noch die Künstler unter Ausschöpfung der im Grundgesetz garantierten Kunstfreiheit." Was also Luk Perceval zum Beispiel aus dem "Jack the Ripper"-Musical machen würde, stehe auf einem vollkommen anderen Blatt.

Sammelbecken der Verschwörungstheoretiker

Interessant auch: Das Netz ist nicht so leicht einschätzbar, gerade weil es transparent erscheint, es aber nicht ist. Auch das Thalia Theater hat das inzwischen begriffen und will bis zum Wahlschluss am 16. Dezember keine neuen Zwischenergebnisse veröffentlichen (nur noch einmal, am 9.12.), damit es für Kampagnen-Führer mit Manipulationsabsichten schwerer wird, potenzielle Sieger abzuschätzen, um ihre Kampagnen danach auszurichten. Ein normaler Vorgang, findet Hegemann: "Was mich ärgert, sind die Verschwörungstheorien, das Nicht-Verstehen-Wollen, die fürchterlichen Verdächtigungen. Warum werden die jahrelangen Frotzeleien zwischen Thalia und Kampnagel jetzt plötzlich ernstgenommen?"

Weil das (anonyme) Netz von Anfang an ein Becken für Verschwörungstheoretiker war? Weil das Neue immer umstritten ist? Weil das Reden im Internet ein besonderer Balance-Akt ist? Wer spricht hier überhaupt? Spricht überhaupt jemand?

Vielleicht gibt es aus der ganzen aufkochenden Diskussion nur eine Lehre: Ironie im Netz unter Smiley-Verzicht? Funktioniert nicht.


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