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16.01.2018

Berliner Morgenpost: Auf nach Brandenburg

Rainald Grebe widmet sich in "fontane.200" dem anstehenden Jubiläum und unternimmt auch einen Wahnsinns-Ausflug zum Stechlinsee

"In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand voll in die Allee gegurkt", so geht der Ohrwurm von Rainald Grebe. Wenn Grebe sich jetzt an der Schaubühne mit "fontane.200" dem 2019 anstehenden 200. Fontane-Geburtstag widmet, dann kann man das auch als eine Zurücknahme des spitzen Lied-Spotts lesen. Schließlich hat Theodor Fontane mit seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" und seinen Romanen, die hier spielen, gewichtige literarische Liebeserklärungen ans Land und seine Leute geliefert.

Wobei: Zunächst wirkt der Abend im Globe-Halbrund vor naiv gemalter märkischer Seenlandschaft wie die Fortsetzung von Grebes Song-Ironie. Hinten fährt die Kamera durch herbstlich-karge Alleen, vorne quasselt sich Damir Avdic als flippiger Lokalradiomoderator um den Verstand. Axel Wandtke schwätzt gewunden von Fontane heute, Iris Becher präsentiert das verkopfte Jubiläums-Konzept mit dem Charme einer beseelt-humorlosen Gymnasiallehrerin. Das ist alles so witzelnd wie erwartbar. Aber dann kommt der Abend zu Fontane, Leben und Werk: mit Grebes Wahnsinns-Ausflug zum Stechlinsee. Mit dem ehrlichen-ehelichen Briefwechsel zwischen Theodor und Emilie (Tilla Kratochwil möchte man ewig zuhören, so lebendig wird bei ihr Fontanes Frau). Mit einem Auszug aus Fontanes Bericht vom deutsch-dänischen Krieg (Florian Anderer fuchtelt da hübsch wild am Schlachtplan rum).

Vor allem aber bei den Romanen, "Stine", "Schach von Wuthenow", "Frau Jenny Treibel", die die Schauspieler mit größter Lust an der Charge auf der Vorspultaste durchhecheln – witzig und erhellend zugleich, weil da manche Fontane-Sätze in den Raum gestellt werden, die einen umhauen. Hinreißend ein "Effi"-Stummfilm, beeindruckend der Bechdel-Test: Wie gut kommen Frauen in Fontanes Frauen-Romanen weg? Leider fällt Fontane durch: Es gibt zwar in jedem Roman mehrere wichtige weibliche Figuren, aber deren Hauptthema heißt Männer. Bam!

Locker strickt Regisseur Grebe so eine Episode an die nächste. Dazu fahren historische Möbel von der Decke, wird in immer neuen Verwandlungen der Kostümfundus geplündert. Dass der Abend dabei nicht beliebig wird, liegt an den großartigen Schauspielern, die zwischen Fritsch-Verrenkungen, Seifenopern-Persiflage und Geplauder immer wieder zu berührenden Fontane-Momenten finden, zu einer Eigentlichkeit, in denen die Zeit stillsteht.

Wenn dann auch noch Jens-Karsten Stoll von der Keyboard-Ironie auf die Klavier-Begleitung umsteigt und die Schauspieler mehrstimmige Fontane-Vertonungen singen, kriegt einen dieser Zwei-Stunden-Abend richtig. Das ist das kleine Wunder von "fontane.200": Am Ende scheint trotz Jux und Tollerei die Größe und Problematik Fontanes auf, hat man ungeheure Lust, mal wieder einen seiner Romane zur Hand zu nehmen, nach Neuruppin zu fahren oder an den Stechlinsee. Auf nach Brandenburg!


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