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21.01.2018

Berliner Morgenpost: Das Grauen entsteht im Kopf

Skandalregisseur Calixto Bieito inszeniert wieder an der Komischen Oper. Diesmal soll es keine Schocker geben

Er gilt in der Oper als einer der prominentesten Vertreter des Blut- und Hoden-Regietheaters: Calixto Bieito. Seit er 2004 Mozarts "Entführung aus dem Serail" an der Komischen Oper als ­sadomasochistische Abhängigkeitsbeziehung erzählte und mächtiges Folterwerkzeug zur Arie "Martern aller Arten" auffuhr, ist er einer der gefragtesten Musiktheaterregisseure – und berüchtigt. Mit seiner "Madame Butterfly" im konsumgeilen Sexferien-Paradies und einer Orgien-"Armida" untermauerte er in Berlin seinen Ruf, die in den Werken subtil angelegten Machtverhältnisse in sehr deutliche Bilder zu übersetzen.

Nun, in seiner achten Arbeit an der Komischen Oper, inszeniert der 54-jährige Regisseur Franz Schrekers "Die Gezeichneten". Premiere ist am heutigen Sonntag. Das Werk war in den 20er-Jahren ein viel gespielter Bühnenhit. Sicher wegen seiner bezwingend schwülen, subtil orchestrierten Musik, die bis an den Rand der Tonalität geht. Aber auch wegen seiner Sex-und-Gewalt-Story: Der bucklige Alviano lässt es zu, dass andere Adlige junge Frauen auf seine Elysium-Insel entführen, vergewaltigen und töten. Nun will er den Schreckensort den Bürgern schenken und verliebt sich in die Künstlerin Carlotta, die sich aber dem Anführer der Vergewaltiger hingibt. Alviano ersticht ihn, tötet damit aber auch Carlotta – und verfällt dem Wahnsinn.

Eine Geschichte, die durchaus nach gröberem Besteck schreit. Bieito aber betont, dass es eigentlich eine einfache Geschichte ist, ein dunkles Märchen, das er ebenso einfach inszenieren will: "Ein Mann ist wegen seiner von der Norm abweichenden Sexualität in Gefahr." In seiner Inszenierung sind die entführten Mädchen Kinder, die Männer der Insel ein Klub von Pädophilen, ebenso Alviano, auch wenn er sein Begehren durch andere ausleben lässt. Schließlich seien im Wien der Jahrhundertwende, von dessen Geist die Oper beeinflusst ist, viele Prostituierte minderjährig gewesen, zwischen 12 und 16 Jahren, um das Risiko für die Freier gering zu halten, sich mit Syphilis anzustecken.

Deshalb arbeitet Bieito mit Kinderdarstellern auf der Bühne. Und deshalb verspricht er, die Oper äußerst feinfühlig zu inszenieren: "Man kann mit 12-jährigen Kindern keine krassen Szenen machen. Ich versuche Dinge anzudeuten, nicht zu zeigen." Dafür, dass die Inszenierung trotz des krassen Themas sensibel wird, spricht, dass Bieito selbst Kinder hat, zwei Jungen, 12 und 17 Jahre alt. Bei früheren Arbeiten an der Komischen Oper waren sie auch bei den Proben dabei, kennen Berlin in- und auswendig. "Bei der 'Entführung'-Premiere haben wir so intensiv auf der Probebühne gespielt, dass sie mich nicht zum Applaus gehen lassen wollten", erzählt er.

Sie nennen ihn liebevoll Calixto, nicht Papa, sprechen in der Familie katalanisch. Bieito selbst stammt aus Nordspanien, zog aber mit 14 mit seiner Familie nach Barcelona. Dort lernte er seine Frau kennen. Neben Katalanisch spricht er Spanisch, Französisch, Italienisch und Englisch. Deutsch versteht er gut, schließlich lebt er seit einigen Jahren in Basel, arbeitet an vielen deutschen Bühnen. Aber um es zu sprechen, müsste er länger an einem Ort sein. Noch aber rast er von einem Land zum anderen. "Ich weiß, ich arbeite zu viel", meint er. "Aber in den Proben fühle ich mich immer sehr entspannt."

Dass er nicht nur deutlich, sondern auch feinfühlig inszenieren kann, hat er in Berlin schon bewiesen, auch wenn das hinter seinen eindeutigeren Arbeiten oft verblasst: Francis Poulencs "Gespräche der Karmelitinnen" etwa kam nahezu völlig ohne Schockeffekte aus, war ein konzentriertes Kreisen um Angst und Glaubenszweifel. Und in Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" loderten zwar körperliche und sexuelle Gewalt auf, aber so, dass sie eine schmerzliche, differenzierte Psychologie ergaben. Bieito ist ein belesener Intellektueller, ein Nachdenker, kommt von der Literatur und der Kunstgeschichte und hat sich in Stockholm und Paris bei den großen alten Meistern des Theaters und des Films entscheidende Tipps geholt, bei Giorgio Strehler, Peter Stein, Peter Brook, Ingmar Bergmann und Agnès Varda.

Der andere, so gar nicht krasse ­Bieito zeigt sich auch im Gespräch. Ein ruhiger, stiller, zurückhaltender Mann, der einen mit großen, freundlichen Augen anschaut und mit leiser Stimme spricht. Keiner, der auf der Probe herumbrüllt. Sondern einer, der so überzeugend argumentiert, so bezwingend wirkt in seiner Ruhe, dass die Sängerdarsteller sich bereitwillig auf ihn und seine Vorstellungen einlassen. Ein Teamworker, der betont, wie wichtig zum Beispiel die Sänger für seine Arbeit sind. Etwa Ausrine Stundyte, die in "Die Gezeichneten" die weibliche Hauptrolle Carlotta singt. Ein Star – ab März ist sie die neue "Salome" an der Staatsoper. Mit ihr hat Bieito schon oft zusammengearbeitet, weil sie eine "Ausnahmekünstlerin" ist: "Sie versteht sofort, worum es geht, man muss sie zu nichts drängen."

Ein erstes Produktionsfoto zeigt sie, wie sie einen großen grünen Teddybären vor einer erbarmungslos kalten Neonröhrenwand entlangzieht, auf der die Worte "Elysium" leuchten. Diese Vergnügungsinsel ist bei Bieito eine Art vergiftetes Disneyland. In der Inszenierung wird auch ein Film eine Rolle spielen, den er im Spreepark gedreht hat, nachts: Ein Kind geht zum Riesenrad, ein Mann folgt ihm. Keine explizite Szene. Das Grauen entsteht im Kopf.


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