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08.02.2018

nachtkritik.de: In your face

Blog Queer Royal – Rosa von Praunheims langer Weg vom Schmuddelkind zum Altmeister und was das über queeres Theater erzählt

Seit Kurzem gibt es in den Kammerspielen des Berliner Deutschen Theaters einen denkwürdigen Abend: "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht", mit dem Filmemacher und Aktivist Rosa von Praunheim seinen 75. Geburtstag feiert. "Analverkehr", singt Božidar Kocevski da mit vergnügt kieksender Stimme, "ein Hoch auf den Analverkehr". Zuvor ist er schon mit deutlicher Beule in der Glitzerleggings auf die Bühne gekommen, also: eigentlich im quietschrosafarbenen Kleid, aber die Kostüme fallen an diesem Abend so zahlreich wie die Pointen. Die Beule stammt von einem Dildo, den Kocevski sich mit dem Schlachtruf "Alles für die Kunst" in den Rachen schiebt, um sich dann tränenreich als hetero zu outen. Die Tränen sind so künstlich und erfunden wie vieles an diesem Spektakel, eine schräge Lied-Revue voll Glitzer-Punk und Anarcho-Pop, eher ungewöhnlich im DT-Programm.

Abende mit explizit queerer Thematik sind an Stadttheatern ja längst keine Ausnahme mehr. Karlsruhe zeigt Maienschlager, Small Town Boy und "Fucking Amal" (das auch in Potsdam und Freiburg läuft), Münster Tom auf dem Lande, die Berliner Kinder- und Jugendtheater "Das Ende von Eddy" (Parkaue, läuft im Hamburger Thalia Theater als szenische Lesung) und "Nasser #7Leben" (Grips). Warum wird queeres Leben gerade so intensiv verhandelt auf den Bühnen?

Vielleicht, weil LGBTIQ*-Belange nicht nur von der Selbstvergewisserung einer Minderheit handeln, sondern die Grundlagen der Offenen Gesellschaft betreffen, von ihrer Notwendigkeit und Verletzlichkeit erzählen. Weil die einst dominante konservativ-bürgerliche Kulturordnung weiter zerfällt, Platz macht für kleinere Gruppen, die ein Recht darauf haben, gehört zu werden – und das auch einfordern. Weil Theatermacher*innen zunehmend von sich erzählen. Und natürlich, weil hinter queeren Geschichten am Ende Menschengeschichten stecken, von Liebe, Sehnsucht, Mitgefühl erzählen, von Ablehnung, Hass, Selbstfindung.

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