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29.11.2011

nachtkritik.de: Herr Shakespeare und der Avantgarde-Apparat

"Worship!" – Die Gruppe Nya Rampen huldigt mit ihrem Shakespeareprojekt den performativen Zumutungen.

Berlin, 29. November 2011. Diese Welt ist ein Narrenhaus: Sechs Personen suchen Shakespeare und finden sich selbst – wenn überhaupt. Sie springen gegen Wände, reißen sich gegenseitig zu Boden, essen Nudelsalat, nuscheln mit vollen Mündern in die Kamera, zerdeppern Geschirr (IKEA natürlich). Einer rutscht auf seinem Mantel auf einer Schräge hinunter und schlägt auf die Wände der drei weißen Raumelemente ein (ein Podest mit zwei Ebenen, eine Rampe, eine Kammer), eine andere verfällt in klassische Ballettbewegungen, im Mund eines Dritten werden die Shakespeare-Verse früher oder später zum Musical-Song. Pittoresk zieht eine blutrote Flüssigkeit lange, zähe Nasen auf weißem Grund, schwarzer Dreck quillt aus einer Kloschüssel, in die alle ihre Hände stecken. Schließlich wird die krümelige Masse auf allen weißen Flächen verteilt.

"Worship!" heißt das Shakespeare-Projekt, und man wäre kaum darauf aufmerksam geworden, hätte die finnische Performance-Truppe Nya Rampen im Juli zusammen mit Institutet nicht den Impulse-Preis gewonnen für ihre Show Conte d'Amour. Was ihre Anbetung, ihr Gottesdienst genau will? Beim Nordwind-Festival lässt ihre Performance nur einen Schluss zu: Nya Rampen sind die neuen Konservativen. Zumal auf der Bühne der Berliner Volksbühne, dem Mutterhaus der Dekonstruktion.

Begräbnis erster Klasse

Oder was sonst soll das Durchkauen so ziemlich jeder Zumutung, die sich performativ Schaffende in den letzten 50 Jahren ausgedacht haben? Das Licht orgelt, als folgte es wie bei John Cage dem Zufall, Bewegungen und Sprache scheinen vollkommen voneinander gelöst, Videoprojektionen zeigen oft nur engste Ausschnitte. Zwei Musiker, mit Geige und Kontrabass bewehrt, unterlegen die sieben Szenen mit Klassik-Loops, minimalistischen Klangflächen und atonalem Expressionismus, dazu fährt die Technik noch einmal ordentlich Rhythmus auf. Viele der (Neben-)Geräusche werden verstärkt, als säße man bei Bob Wilson oder Vegard Vinge: Da hechelt und bellt der Atem, knallen Schwerter gegeneinander und auf den Boden, stampfen sich Füße ihre Bahn, Kopulations- und Gewaltgesten werden mit comichaft überzeichneten Tönen unterlegt.

In dieser geballten Konsequenz wirken die Mittel wie eine deftige und zugleich museale Anordnung im Zeitalter ihrer sinnfreien und endlosen Reproduzierbarkeit, ausgestellt am Pranger gleich mehrerer White Cubes, vorgeführt mit einer konzentrierten Ernsthaftigkeit, die das alles entsetzlich gestrig erscheinen lässt. Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass der Abend keine Feier der (historischen) Avantgarde ist, sondern ihr Begräbnis erster Klasse.

Manchmal wird geweint

Für die sechs Performer, drei Frauen, drei Männer, die sich in wechselnden Kostümversatzstücken (besonders hübsch: das gestrickte Kettenhemd des blonden Helden und die barock ausladenden Rockschöße der späteren Lady Macbeth) durch ebenso wechselnde Shakespeare-Rollen sprechen (von "Hamlet" bis "Richard III.", von "Titus Andronicus" bis "Romeo und Julia") und nebenbei körperlich komplett verausgaben, gibt es einen Rückzugsort von ihren Schrei-, Tanz- und Kampforgien: die dreieckige Kammer, in dem eine Kamera installiert ist.

Zu Beginn zeigt sich hier kurz der Gestalttherapeut Marcus Groth, der fragt: "Wie fühlst du dich?", dann zieht er energisch den roten Samtvorhang zu. Später stellt er die Frage hier den Schauspielern, und dann jammern sie ein bisschen, fühlen sich leer und frustriert, manchmal wird geweint, dann übergangslos zu Shakespeare zurückgewechselt – in Großaufnahme.

Was das alles mit Religion, Ideologie und Kunst zu tun hat, wie die Ankündigung verspricht, lässt sich schon deshalb nicht beurteilen, weil mal die Tontechnik versagt, sich mal die Performer überbrüllen oder ihren Text so runterleiern, dass man nur an den markanten Stellen, den geflügelten Worten ("Schwachheit, dein Name ist Weib" und ähnliche Schoten) aufhorcht. Es bleibt der Verdacht, dass Nya Rampen uns in aller Ausführlichkeit vorführen wollen, wie sinnentleert und selbstreferenziell dieser ganze Avantgarde-Apparat geworden ist, wie fade und überholt. Der Rest sind Schweiß und echte Tränen.


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