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09.04.2018

Heidelberger Stückemarkt: Tief im dunklen Wald

Wie erzählt man Kindern vom Horror der Flucht? Gleich zu Beginn, die Handlung hat noch nicht begonnen, fragen sich Hannes, Greta und Dina: Wo anfangen? Wie enden? "Am Ende ist alles gut. Wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende", zitiert Greta einen dieser fiesen optimistischen Kalendersprüche. Und am Ende? Bleibt alles offen. Weil eine Geschichte über Flucht kein eindeutiges Ende hat. Weil auch ein Märchen nie endet, sondern mit einer Bedingung aufhört: "Wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute."

Und weil Esther Becker in ihrem Stück "Wildbestand" mit der Figur der Dina kein singuläres Schicksal schildert, sondern einen exemplarischen Charakter, in dem sich viele Schicksale und Geschichten überlagern. Dina ist "Die Namenlose". Sie hat sich im Baumhaus der Kinder eingenistet, lebt von deren weggeworfenem Essen, schläft unter einer dieser goldglänzenden Notfallwärmedecken.

Die Geschichte vom Kind auf der Flucht, das sich illegal im Wald versteckt, verwebt Becker mit Motiven des Grimm-Märchens "Hänsel und Gretel". Dort spielt der Wald eine dominante Rolle als zivilisationsfeindliche Wildnis und magische Gegenrealität. In "Wildbestand" hat er viele Funktionen: Zuflucht, wirtschaftliche Lebensgrundlage, Lebenssymbol. Die Mutter, durch ökonomische Zwänge hart wie im Märchen, teilt als Försterin mit Markierungen die Bäume in jene, die wachsen sollen und jene, die gefällt werden müssen. Das erzählen die Kinder Dina, die fragt: "Wie entscheidet man das? Wer eine Zukunft hat?"

Das ließe sich ja auch zu jedem Asylverfahren anmerken. Überhaupt die Mutter: Sie reagiert auf den ökologischen und gesellschaftlichen Wandel, indem sie den Wald verlässt, wegziehen will, alles verkauft: "Die Försterei ist vorbei / Möbel aus Plastik / Bücher vom Bildschirm / Und 'Rettet die Bäume!' / 'Denken Sie nach, bevor Sie das ausdrucken!' / Ich muss mich nach etwas Neuem umgucken."

Das reimt sich, aber nicht alles, was sich reimt, ist gut. In dieser Mutter spiegelt sich, wie schon im Grimm’schen Märchen, die Hexe, die sich eher auf Umwegen materialisiert. "Die Hexe ist der Staat, der nicht für seine Kinder sorgt", sagt Becker im Gespräch. Und zwar weder dort, von wo Menschen flüchten müssen. Noch hier, wo sie aufgenommen werden.

Bei all dem Grauen, das im Verlauf des Stücks angedeutet wird, bleibt der Ton doch märchenhaft: "Ich bin von weit weit her / Ich reiste über das Meer / In einer Nussschale / Die wankte und schwankte / und wie durch ein Wunder / Ihren Weg an ein Ufer fand“, sagt Dina wieder und wieder. Oder auch: "Wenn sie dich fragen / sag nichts / bleib stumm / stell dich dumm." In immer neuen Varianten setzt Dina an, um die oft naiven Fragen der Kinder über ihre Vergangenheit zu beantworten, was auf die vielen Geschichten verweist, die sich in dieser exemplarischen Figur überlagern. Aber auch auf die Fiktion als Überlebenstechnik, sich hinter immer neuen Masken zu verbergen. Einmal erzählt Dina davon, wie manche sich die Fingerkuppen abschleifen, um ihre Identität zu verbergen. Ihr selbst reichen Worte.

Trotz solcher Momente ist "Wildbestand" kein schockierendes Stück. Das Grauen deutet Becker lediglich an, in einem Alptraum etwa, von dem Dina berichtet. Vielmehr legt sie den Fokus auf Hannes und Greta, ihre ignoranten Fragen:

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