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02.09.2018

Berliner Morgenpost: Schaubühne eröffnet Spielzeit mit "Die Wiederholung"

Die Schaubühne zeigt zur Eröffnung der Spielzeit „Die Wiederholung“ von Milo Rau – allerdings nur an vier Abenden

 

Das hier ist Theater, klar. Nieselregen sprüht aus einer Leitung aus dem Bühnenhimmel, der graue Polo fährt nicht vor, sondern wird von den Schauspielern auf die Bühne geschoben, das Motorengeräusch dröhnt aus dem Off. Über der Spielfläche setzt sich das als Film auf der großen Leinwand zusammen. Unten aber sieht man den Kameramann im Bild, die Mechanik der Abläufe, die Positionswechsel. Das schmälert nicht die Wucht des Mordes, der hier zehn Minuten lang detailliert gezeigt wird.

Ein Mord, auf den Milo Raus neuer Abend „Die Wiederholung“ zuläuft, mit dem die Schaubühne ihre Spielzeit eröffnet. Ein Gastspiel mehr als eine Koproduktion – Premiere war im Mai in Brüssel, seitdem tourt sie. Jetzt ist sie (zunächst) nur vier Tage am Stück in Berlin zu sehen. Das Touren ist Teil des Genter Manifests, das Rau sich und seinem Team verordnet hat: mobile Produktionen, mehrsprachig und übertitelt, mit Schauspielern und Laien, alle Beteiligte sind auch Autoren. Das Ziel: Die Darstellung selbst soll real werden.

Was das heißt, zeigt „Die Wiederholung“. Im Zentrum steht der Mord an Ihsane Jarfi 2012 im belgischen Lüttich. Die Täter, offensichtlich sturzbetrunken, lockten ihr Opfer vor einem Club für Schwule und Lesben ins Auto, schlugen auf ihn ein, strangulierten ihn, traten ihm den Brustkorb ein. Warum? Homophobie? Rassismus? Oder einfach nur „Vollidioten, die zu weit gegangen sind“, wie es an einer Stelle heißt?

Um diese Fragen kreist der Abend in seinen 100 Minuten, aber noch mehr um die Frage, ob und wie man das als Theater erzählen, wiederholen kann. Wer die Milo-Rau-Abende an der Schaubühne, in den Sophiensälen oder beim Theatertreffen gesehen hat, wird vieles kennen: die klassischen fünf Akte mit ausführlichem Vorspiel, die Casting-Situation zu Beginn, die Mischung aus Live-Dreh und zusammengefügten Filmbildern. Wieder zeigt Rau wie ein Chirurg seine Instrumente vor, die Schauspieler, Geräusche, Nebel – all die Einzelteile, die er neu zusammensetzen wird, detailliert bis zum Hyperrealismus, gehüllt in ein altmeisterliches Hell-Dunkel.

Dennoch ist das immer wieder neu, auf die Situation bezogen. Zum Beispiel das Casting: Drei Schauspieler, die mit Rau schon zusammengearbeitet haben, befragen zwei Laien und einen Profi, Tom Adjibi, der das schwule Mordopfer spielen wird. Die Fragen und Anforderungen wirken kalt, technisch, arrogant, die Antworten gerade der beiden Laien oft ungelenk und komisch. Schnell wird klar, dass hier nicht nur die Arrivierten über die Neuen urteilen, sondern auch eine soziale Schicht über die andere. Schließlich gehörten die Mörder in Lüttich mit seiner horrenden Arbeitslosigkeit zum sozialen Rand. Oder Adjibi: Er berichtet, dass er nie eine Rolle, sondern immer eine Herkunft spielen soll.

Auch bei Rau. Aber der Abend bricht und unterläuft solche Vorgaben geschickt. Der Mord selbst, unter der Überschrift „Die Anatomie des Verbrechens“ quälende zehn Minuten lang vorgeführt, ist Kernhandwerk des Theaters: Kunstblut, falsche Schläge, Fake-Tritte. Man kann sich in seiner Hilflosigkeit immer noch darauf konzentrieren, wie genau sie die Grausamkeiten hinbekommen. Denn letztlich erzählt diese Szene – wie der gesamte Abend – von der Unmöglichkeit, einen Mord auf der Bühne realistisch darzustellen. Zugleich kommt sie dieser Unmöglichkeit erstaunlich nahe.

Wozu Theater?, fragt der Abend, bleibt lange distanziert – und kriegt einen dann doch mit höchst genauem Spiel, Identifikation, Kopfkino. Etwa wenn Suzy Cocco als Mutter sagt: Ich verteidigte meinen Sohn nicht gut. Wenn Fabian Leenders als einer der Täter die Zufälligkeit des Mordes beschreibt. Wenn Sébastien Foucault als damaliger Freund des Opfers von der Suche nach einem Zeichen des toten Ihsane erzählt und es dank einer Wahrsagerin in einem Hasen findet. Humbug? Selbstbetrug? Illusion? Ja, so wie das Theater auch. Mehrdeutig auch der Schluss, wenn Sara De Bosschere ein Gedicht von Wislawa Szymborska vorträgt, das vom Glück des „sechsten Aktes“ erzählt, wenn all die Toten und Verschollenen quicklebendig zum Applaus erscheinen – Wiederholen lässt sich nur das Theater, nie das Leben.

Nicht alles ist so perfekt gebaut und choreografiert. Das Sozialporträt der Mörder etwa, wie sie vor der Tat zusammen zu Hause herumhängen, der eine daddelt, der andere grabbelt unbeholfen an seiner genervten Freundin herum, gerät ziemlich grob. Aber wie jene Szenen, in denen Film und Bühne nur momentweise synchron laufen, zeigt es die Unschärfen, die davon erzählen, dass wir nie genau wissen werden, was sich in jener Mordnacht ereignet hat.

So ist dieser Abend eine doppelte Annäherung: an einen unbegreiflichen Mord. Und an ein unbegreifliches Medium, dessen Wunder darin besteht, keine Vollendung zu erfahren (denn dann wäre es Realität, Leben) und dennoch genau darin vollendet sein zu können.


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