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08.01.2019

Berliner Morgenpost: Wie der Mann mit der Zigarre zum Klassiker wurde

Grimmiges Pathos und die Falltüren der deutschen Geschichte: Am 9. Januar wäre der Dramatiker Heiner Müller 90 Jahre alt geworden.

Selbst Opernregie hat er sich zugetraut. Als 1990 bekannt wurde, dass Heiner Müller, der größte lebende DDR-Dramatiker, Theaterregisseur eher im Nebenberuf, aber mit allen geschichtsphilosophischen Wassern gewaschen, 1993 in Bayreuth den „Tristan“ inszenieren würde, rauschte es in den Feuilletons gewaltig. Ein Ossi auf dem Grünen Hügel – wird das ein Skandal? Eine zynische Wagner-Abrechnung? Würde der sensible Weltgeist nicht ohnehin vorzeitig hinschmeißen?

Heute gehört der Müller-„Tristan“ zu den legendären Bayreuth-Inszenierungen, und das nicht nur wegen Waltraut Meier und Daniel Barenboim. Sondern auch, weil Müller damals subtil die inneren Vorgänge offenlegte, auf der Bühne nur wenige abstrakte Fingerzeige gab auf die Gefangenheit der Figuren. Statisch, ja, aber mit welcher Größe! Das lässt sich bis heute auf DVD nacherleben.

Die großen Gesten lagen Heiner Müller, vor allem in seinen Texten. Am 9. Januar wäre der Dramatiker und Regisseur 90 Jahre alt geworden. Als er am 30. Dezember 1995 in Berlin starb, war er längst ein Klassiker. In den 80er Jahren gab es 300 Inszenierungen seiner Werke – pro Jahr. Heute sind es 30. Das reicht für den inoffiziellen Titel des meistaufgeführten DDR-Autors – und um in der ersten Liga der großen Dramatiker des 20. Jahrhunderts mitzuspielen. Bis heute fasziniert Müllers düstere, doppelbödige Sprache mit Sätzen wie in Blei gegossen, an denen man sich reiben, die man vielfältig deuten kann.

Dass Müller Ende der 90er nicht mehr so viel gespielt wurde, wundert einen heute nicht: Die Theater entdeckten die Ironie und dekonstruierten fröhlich drauflos. Beides bekommt Müllers Texten nur bedingt, diesen schwergewichtigen, pathossatten Auseinandersetzungen mit der deutsche Geschichte, mit Schuld und Verdrängung, bei denen Kommunismus wie Kapitalismus ihr Fett wegkriegen. Auf die Frage, warum er, der etwa wegen seines Stücks „Die Umsiedlerin“ gegängelt wurde, in der DDR geblieben sei, antwortete er: In der DDR habe er „Krebsdramatik“ schreiben können, in der BRD nur „Hühneraugendramatik“. Bei Müller wuchern die Bilder wie Karzinome, zerfressen zunehmend jede Utopie.

Lange war in Berlin Regisseur Dimiter Gotscheff sein erster Anwalt – und sorgte für Szenen, die sich einbrannten. Wer könnte je vergessen, wie Margit Bendokat 2004 am Deutschen Theater in „Germania. Stücke“ als alter Fritz auf einem Stuhl Rüben als preußische Orangen anpreist? Wie sie zur Stimme des Volkes wurde in Müllers „Perser“-Übersetzung, während Samuel Finzi und Wolfram Koch als große Jungs an der großen Drehwand das Schicksal der Menschen verspielten? Wie Valerie Tscheplanowas Mädchen in seiner Münchner „Zement“-Inszenierung sehnsüchtig singt?

Und natürlich Frank Castorf – etwa zwei Drittel seiner Inszenierungen enthalten Müller-Texte, meist Auszüge aus „Der Mann im Fahrstuhl“, ein Monolog aus dem „Auftrag“. Das Stück handelt von Franzosen, die die Revolution von 1789 nach Haiti tragen sollen. Aber noch bevor sie loslegen können, hat das politische System in ihrer Heimat gewechselt, regiert Napoleon – ihr Auftrag ist hinfällig. Erleben lässt sich das Stück bald an der Volksbühne (22./23. Januar), als Gastspiel aus Hannover – mit Corinna Harfouch, die am Deutschen Theater noch persönlich mit Müller gearbeitet hat.

„Der Auftrag“ gehört zu jenen Müller-Werken, die besonders in Spanien und Lateinamerika gelesen und inszeniert werden (selbst Müllers Autobiografie wird in Brasilien verlegt). Mit Wirkung bis in die Gegenwart: Die schwarze Komödie „Von der Theorie der ewigen Wiederkehr anhand der Karibischen Revolution“ von Santiago Sanguinetti aus Uruguay etwa ist eine deutliche „Auftrag“-Hommage.

Komödie? Wenn man an Heiner Müller denkt, dann hat man nicht eben heitere Bilder vor Augen. Sondern einen hageren Mann mit hoher Stirn, der an seiner Zigarre saugt und ein bisschen sauertöpfisch durch seine Brille schaut. Der lange Mäntel trägt und aus Überzeugung im Plattenbau wohnt. Der seine Texte schmallippig und minimalbetont vorliest, vielleicht, weil sie ohnehin vor Pathos strotzen.

Dabei hatte der Mann auch Humor, dichtete Verse wie in der „Weiberkomödie“: „Die Rippe wächst sich aus und wird zum Hebel. Schuld sind der liebe Gott und August Bebel.“ Das Stück basiert auf dem Hörspiel „Die Weiberbrigade“ seiner zweiten Frau Inge Müller, die sich 1966 das Leben nahm. Viele der frühen Dramen entstanden in enger Zusammenarbeit mit ihr, etwa „Der Lohndrücker“ und „Die Korrektur“. Oft steckt der Witz bei Müller im Detail, in Aphorismen und Paradoxien wie: „Ich sage alles, nur nicht was ich denke“. Oder sein sehnsüchtiges „Herzstück“: „Zwei: Ihr Herz ist ein Ziegelstein. / EINS: Aber es schlägt nur für Sie.“

Lange war Müller äußerst produktiv, davon zeugt die Suhrkamp-Werkausgabe in 12 Bänden. Als die Wende begann, versank er allerdings in einer Schreibkrise. Dafür wurde er jetzt öffentliche Person, sprach auf der berühmten Alexanderplatz-Demo am 4. November 1989, wurde von 1990 bis 1993 letzter Präsident der Akademie der Künste Berlin (Ost) und gefragter Talkshowgast. Gemeinsam mit Peter Zadek, Matthias Langhoff, Peter Palitzsch und Fritz Marquardt übernahm er 1992 die Leitung des Berliner Ensembles. Eine explosive Herren-Mischung, die bald im Streit feststeckte. Hier entstand 1995 seine letzte Inszenierung, Bertolt Brechts „Arturo Ui“ mit Martin Wuttke, ein Meilenstein mit weit über 400 Vorstellungen.

Und heute? Müllers Stücke, die sich um eine konkrete DDR-Realität drehen, werden kaum mehr inszeniert (Ausnahme ist etwa „Die Umsiedlerin“, ab 6. April an den DT-Kammerspielen). Sondern vor allem jene Werke, die mit ihrem Geschichtspessimismus und ihrer Deutungsoffenheit problemlos an die politische Großwetterlage zwischen Trump und Putin, Flucht und Überfluss andocken, vom Totalitarismus erzählen, menschliche Abgründe schildern: „Die Hamletmaschine“, „Der Auftrag“ und „Zement“ (alle zuletzt am Gorki-Theater), „Quartett“. Außerdem Überschreibungen wie „Macbeth“ (in Michael Thalheimers Inszenierung gerade am Berliner Ensemble, das ab 26. Januar auch Fritz Katers Müller-Hommage „heiner 1-4“ zeigt) und Übersetzungen wie „Die Perser“.

Was eigentlich macht einen Klassiker aus? Zum Beispiel, dass sich jede Generation neu an ihm reiben will. Aus dieser Perspektive hat Heiner Müller gute Karten, auch in Zukunft einer zu sein.


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