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01.02.2019

Oper!: Rechnen, Rechnen, Rechnen

John Cages Avantgarde-Schlüsselwerk „Europeras 1&2“ wird selten aufgeführt. Jetzt wagt sich die Oper Wuppertal mutig an das Werk.


Wie viele Länder hat Europa? Man könnte ein Lexikon aufschlagen. Man könnte aber auch den Zufall bemühen. Genau das machte Regisseur Daniel Wetzel, fragte den Brückenschenken-Wirt in Wuppertal, bekam völlig überzeugt zur Antwort: 27. Stimmt zwar nicht – noch hat die EU 28 Mitgliedsländer, zu ganz Europa gehören 46 Staaten. Dennoch floss die Antwort in die Inszenierung von „Europeras 1“ in der Oper Wuppertal ein: Sie wird aus 27 Teilen bestehen. Premiere von „Play* Europeras 1&2“ ist am 2. Februar 2019.

Zufällige Entscheidungen wie diese sind das wesentliche Kompositionsprinzip der „Europeras 1&2“, John Cages wichtigstem, 1989 in Frankfurt uraufgeführtem Bühnenwerk. Vom großen Avantgarde-Komponisten stammt keine einzige Note. Alle Bestandteile einer Opernaufführung – Musik, Kostüme, Kulissenteile und Beleuchtung – werden unabhängig voneinander nach dem Zufallsprinzip gesteuert. Ein Computerprogramm, dass das Verfahren des chinesischen Orakels I Ging imitiert, wählt aus der Menge aller urheberrechtlich ungeschützten Opern eine praktikable Anzahl aus, bestimmt zudem, aus welchen dieser Opern Fragmente für welche Instrumente und Arien für welche Sänger entnommen werden und um welche Ausschnitte es sich genau handelt.

Diese Orchesterstimmenfragmente und Arien werden in ihrer Originalgestalt (Tempo, Tonart, Phrasierung etc.) belassen und in die Komposition eingefügt, nachdem man per Zufallsverfahren die Zeitpunkte für den frühestmöglichen Beginn sowie das spätestmögliche Ende der Partien ermittelt. In diesen Zeiträumen, den time brackets, können Sänger und Musiker eigene Akzente setzen. Auch die Inszenierung wird per Zufall bestimmt, die Position der Sänger auf 64 Spielfeldern, der Einsatz von Kostümen, Kulissenteilen, Licht. „Europeras 1“ dauert genau 90 Minuten, „Europeras 2“ als baugleich kondensierte Fassung 45 Minuten.

Die „Europeras 1&2“ sind also eine ziemlich aufwendige Angelegenheit. Entsprechend selten werden sie aufgeführt, in Deutschland zuletzt 2012 durch Heiner Goebbels bei der Ruhrtriennale und 2017 am Staatstheater Braunschweig. Die Hauptaufgabe eines Regisseurs besteht im „Rechnen, Rechnen, Rechnen“, sagt Wetzel. Weil Cage zwar viele Regeln aufgestellt, aber immer auch verfügt habe, dass man alles auch anders machen könne, ist dennoch alles frei. Deshalb auch die Frage an den Brückenschenken-Wirt. „Das Anarchische der ‚Europeras’ liegt darin, dass es frei vom Diktat eines Regisseurs ist“, sagt Wetzel.

Wetzel ist Mitglied des Autoren-Regie-Teams Rimini Protokoll, das seit 2000 im Theater- und Hörspielbereich oft preisgekrönte Inszenierungen und Installationen verwirklicht. Rimini Protokoll brachten in Abenden wie „Wallenstein“ (Berliner Theatertreffen 2006) Experten des Alltags auf die Bühne, lange bevor das Mode wurde. In verschiedenen Formaten schickten sie das Publikum mit Kopfhörern durch den Stadtraum oder karrten es auf Truckladeflächen herum, um von Logistik und Globalisierung zu erzählen. In Installationen wie „Situation Rooms“ (Theatertreffen 2014) über Waffenhandel wird das Publikum in genau getakteten Handlungsanweisungen selbst zum Performer. So auch in „Evros Water Walk“, einer Musiktheater-Installation, in der man immer wieder neu an unterschiedlichen Stationen John Cages „Water Walk“ von 1959 aufführte und zugleich über Kopfhörer von geflüchteten Kindern erfuhr, die an der Erarbeitung des Parcours mitgewirkt hatten.

„Play* Europeras 1&2“ ist Wetzels erste große Musiktheaterarbeit. Cage aber begleitet ihn schon seit seinem Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen, als die Bestandteile in einem seiner ersten szenischen Projekte ausgewürfelt wurden. Seitdem beschäftigt ihn die befreiende Kraft, „wenn man sich etwas zufallen lässt“. Das betreffe auch die Frage, wie man mit dem eigenen Leben umgeht: „Wie befreiend ist es zu sagen, es ist entschieden!“, sagt Wetzel. „Ich denke nicht in Botschaften, aber das ist die Flaschenpost von ‚Europeras’.“

Wichtig für Wetzel ist, dass die Entscheidungen vor Inszenierungsbeginn getroffen werden. Wenn die Würfel gefallen sind, geht es darum, sie so akkurat wie möglich zu befolgen: „Da entstehen ganz tolle Szenen, keine Arie erklingt je als Solo, alles überlagert sich.“

Das „Play“ im Wuppertaler Titel übrigens bezieht sich auf zwei wesentliche Abweichungen zu bisherigen Inszenierungen. Zum einen wird in „Europeras 1“ das Publikum über Handlungsanweisungen aktiv mit einbezogen. Zum anderen wird „Europeras 2“ als Videostück gezeigt, die 64 Bühnenquadrate auf 19 Videoflächen übertragen und Europa so stärker in den Abend integriert: Neben der Sängerin in Wuppertal gibt es acht weitere Sänger in acht europäischen Städten – Szenen, Orte, Kameraeinstellungen, Arien werden ebenso ausgewürfelt wie bei der Bühnenaktion.

Dass sich jetzt die kleine Oper Wuppertal, die lange vor allem durch Spardiktate und ein wegrationalisiertes Ensemble von sich reden machte, an diese Avantgarde-Ikone wagt, ist keine Selbstverständlichkeit. „Uns interessieren zeitgenössische Kompositionen, die sich mit klassischer Musik auseinandersetzen“, sagt Berthold Schneider, seit zweieinhalb Jahren Intendant in Wuppertal. Seitdem gab es Helmut Oehrings Purcell-Überschreibung „Aschemond oder The Fairy Queen“ und „Surrogate Cities / Götterdämmerung“ als Wagner-Goebbels-Mischung im Programm.

Viel hat Schneider seit seinem Intendanz-Antritt angestoßen, ein kleines Ensemble aufgebaut, ein Education-Programm initiiert, an Teilhabe-Modellen gearbeitet, um alle Alter und Schichten zu erreichen. Finanziell ist das Haus „aus der gefährlichen Zone raus“, sagt er. Der künstlerische Etat wird in Zukunft sogar leicht steigen.

Spielt man mit den „Europeras“ das große, traditionsreiche Haus nicht gleich wieder leer? „Wir sind der Westen, der ist groß“, sagt Schneider. „Unsere Erfahrung ist, dass die Leute für Musical fahren, aber auch für Dinge, die man nirgendwo sonst sieht. Wir versprechen uns was davon!“


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