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15.10.2018

Berliner Morgenpost: Revolte im Berliner Ensemble

Ein Jahr nach #MeToo arbeitet sich eine Doppelpremiere mit viel Ironie und Fantasie am Thema Feminismus ab.

Ist das noch eine Theatergarderobe? Oder schon das Totenreich? Alle liegen sie rücklings auf der Bühne in ihren Kostümen, die Eierstöcke zeigen und einen Stinkefinger. Sie plärren weinerlich vor sich hin, während die Kamera ihr Spiegelbild verzerrt auf die Rückwand überträgt. Da steht Anita Vulesica auf und spricht leise, eindringlich davon, dass eine große Gemeinschaft hätte entstehen können. Hätte. Aber mit dieser Truppe? Nie!

Das ist nur einer der vielen starken Momente eines Doppelabends im Kleinen Haus des Berliner Ensembles, der eine Bestandsaufnahme des Feminismus zeigt: die deutschsprachige Erstaufführung von Alice Birchs „Revolt. She said. Revolt again“ und die Uraufführung von Marlene Streeruwitz’ Auftragswerk „Mar-a-Lago“. Sie hat zudem das Birch-Stück übersetzt. Wobei die beiden Teile sich ziemlich voneinander unterscheiden. Birch skizziert in böse funkelnden Sketch-Szenen starke Frauen und schwache Männer, lädt sie zunehmend politisch auf. Der Anfang ist brüllend komisch, wenn Vulesica und Sascha Nathan Art und Weise ihres Beischlafs verhandeln. Oder wenn Astrid Meyerfeldt und Patrick Güldenberg demonstrieren, wie sehr man aneinander vorbeireden kann, wenn man übers Heiraten spricht. Später macht Birch deutlich, dass erfolgreicher Feminismus ohne Radikalisierung nicht geht, wenn sich Lorna Ishema dem Diktat der Selbstausbeutung widersetzt.

Wie kompliziert das ist und wie einfach das scheitert, zeigt Streeruwitz mit ihrer Gruppe aufgekratzter Schauspielerinnen, die in fünf Szenen versuchen, sich von ihrem Regisseur und Teilzeitgeliebten zu emanzipieren, die Macht am Theater zu übernehmen – und an mangelnder Solidarität und Durchsetzungskraft scheitern. Wie Streeruwitz da Frauenklischees aufeinander jagt, ist schwer erträglich.

Aber Christina Tscharyiski, die mit ihrem fantastischen Schauspielerinnen-Quintett schon die Birch-Sketche auf einen herrlich glatten Boden stellte und sie kraftvoll zuspitzte, während im Hintergrund Kampfparolen aufleuchteten, findet auch hier Wege, mit Ironie und Fantasie eine Schneise durchs Lamento zu schlagen. Einmal quetschen sich die Spielerinnen unter einen rosaroten Pussy-Hut, dann wieder putzen sie als Cinderella-Wiedergänger den Theaterboden. Wie schwer die Institution zu erstürmen ist, deuten riesige Marmorstufen an; selbst der rote Teppich wird zur Stolperfalle. Die kluge Ausstattung stammt von Verena Dengler und Dominique Wiesbauer.

Insbesondere Vulesica und Meyerfeldt sind dabei zum Niederknien großartig – allein ihretwegen lohnt der Abend. Aber auch wegen der vielen kleinen Seitenhiebe der Regie: Der zu erklimmende Gipfel ist das Berliner Ensemble selbst, einmal wird ein Streeruwitz-Porträt eingeblendet, darunter: „Großes Haus“ – wo am BE die männlichen Autoren und Regisseure regieren. Ob Intendant Oliver Reese den Hinweis verstanden hat?


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