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31.05.2011

nachtkritik.de: Ein Experte für den Kulturwandel

Der Regisseur Nurkan Erpulat.

Berlin, 31. Mai 2011. Schuld ist natürlich Thilo Sarrazin. Sein Pamphlet "Deutschland schafft sich ab" erschien im August 2010, begleitet von einem dem Sommerloch würdigen Medienrummel – und nur wenige Tage später hatte Verrücktes Blut Premiere, jenes Stück von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, das zunächst sämtliche Klischees über eine "Kanaken-Klasse" und ihre überforderte Lehrerin reproduziert, um sie dann genüsslich einzureißen. Erpulats Inszenierung wurde sofort als Antwort auf Sarrazins Thesen gelesen – und der Regisseur über Nacht zum Helden des postmigrantischen Theaters, ja zum Experten in Sachen Migration überhaupt.

Dabei ist Migration kein Thema, höchstens ein Überthema, sagt Erpulat: "Wenn zum Beispiel die Helden einer Liebesgeschichte Ali und Aische heißen, ist das Thema die Liebe." Und überhaupt, Migration – wenn schon Fachmann, dann ist Erpulat einer für deutsche Probleme: "Ich reagiere nie als Experte der Migrantenwohnzimmer, sondern als der Experte des lächerlichen Blicks darauf", sagt er. "In 'Verrücktes Blut' erfahren wir eigentlich nichts über die Jugendlichen, aber viel über den Blick auf sie."

Wenn am Ende einer der Schauspieler sagt, er habe keine Lust mehr auf diese Kanakenselbsthassnummer, dann weiß Erpulat, wovon er spricht: "Ich erwarte nicht, dass ich als Schauspieler den Karl Moor spiele. Aber vielleicht den Franz. Viele sind bereit, den Bösen zu spielen, da geht es den Deutschen in Hollywood ja ähnlich. Hauptsache, man bekommt einen Platz in der Gesellschaft. Schlimm ist, wenn man den nicht bekommt, wenn man nicht mal die dritte Banane von links spielen darf."

Erpulat, der Kulturwanderer, stammt aus einer gutbürgerlichen agnostischen Familie, die ihrerseits einen Migrationshintergrund besitzt: Seine Großeltern kamen vom Balkan in die Türkei. Nach einem Jahr Architektur- und einem abgeschlossenen Schauspielstudium ging er nach Deutschland, um Regie zu studieren. Der Anfang war hart: Mit Putz- und Renovier-Jobs finanzierte er sich den Deutschkurs und Theaterkarten. Von der Mehrheitsgesellschaft wie von der türkischen Gemeinschaft wurde er regelmäßig daran erinnert, dass er ganz unten auf der sozialen Leiter stand. Hilfe und offene Arme fand er vor allem in der schwulen Community. Aus seiner Erfahrung, dass man als schwuler Türke in Deutschland weit stärker akzeptiert wird als als heterosexueller ("Zwei mal Minus macht ein halbes Plus"), entstand seine erste Erfolgsproduktion: Gemeinsam mit Tunçay Kulaoğlu destillierte er aus Interviews das Doku-Stück "Jenseits – Bist du schwul oder bist du Türke" und inszenierte es 2008 am Hebbel am Ufer.

"Unsere Bühne ist immer noch weiß"

Danach wurde er von der Berliner Hochschule für Schauspiel Ernst Busch als Regiestudent angenommen – als erster Türke überhaupt. Doch auch hier stieß er auf unsichtbare Grenzen: Die Dozenten ließen ihn nicht an einem Shakespeare-Seminar teilnehmen, weil sie der Ansicht waren, dass es ihm an ausreichenden Kenntnissen und am rechten Zugang zu diesem Stoff mangeln müsse. "Dabei hatte ich mich in Izmir schon intensiv mit Shakespeare beschäftigt!" Von den Projekten, die er zwischen 2003 und 2008 realisierte, entstand bezeichnender Weise nur eines am bat, der hochschuleigenen Studiobühne.

Oft habe er, direkt und indirekt, den Ratschlag bekommen: "Geh in deine Heimat, hier kriegst du eh keinen Job." Das macht ihn heute noch so sauer wie die Anekdote einer türkischstämmigen Schauspielerin, die bei einem Vorsprechen in der Provinz abgelehnt wurde mit der Begründung: "Unsere Bühne ist immer noch weiß." Sein Erfolg beruhigt ihn vor diesem Hintergrund nur bedingt. "Irgendwann wird eine Inszenierung von mir auch mal mittelmäßig oder schlecht, dann werden sie sagen: 'Wir haben es gewusst.' Du darfst nicht stolpern, in diesem Beruf nicht, aber mit Migrationshintergrund sowieso nicht."

Im Herzen von Kreuzberg

So war es ein Glück, dass Erpulat beim Migrations(über)thema gelandet ist. Nicht von sich aus: "Matthias Lilienthal und Shermin Langhoff haben mich da hingeführt." Lilienthal ist langjähriger Leiter des Berliner Hebbel am Ufer, Langhoff war dort von 2004 bis 2008 Kuratorin und leitet seitdem das Ballhaus Naunynstraße. Hier, im Herzen des einstigen Arbeiter-, später türkisch und linksalternativ geprägten Bezirks Kreuzberg, treffen Künstler wie Neco Çelik, Hakan Savaş Mican und Feridun Zaimoğlu auf ein Publikum aller Alters- und Bildungsschichten.

Das ist von der Berliner und der Bundespolitik so gewollt und wird entsprechend gefördert. Für Erpulat ein besonderer Punkt: "In anderen Ländern sorgt die Kunstszene selbst für die innovativen Impulse, die unter anderem aus der Migrantenszene kommen. In Deutschland braucht es offenbar die Politik." Immerhin zeigt eine Auslastung von 90 Prozent, dass Berlin auf so eine Institution gewartet hat, deren indirektes Ziel ihre Abschaffung ist. Noch wirkt das Ballhaus als Talentschmiede und Sprungbrett für postmigrantische Künstler. Wenn diese Aufgabe einmal die Stadt- und Staatstheater selbst übernommen haben, wenn es selbstverständlich ist, dort vor und auf der Bühne Künstler zu erleben, deren Eltern oder Großeltern nicht aus Mitteleuropa kommen oder die nicht in Deutschland geboren wurden, hat das Ballhaus seine Aufgabe erfüllt: "Je eher, desto besser!"


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