Archiv Referenzen

10.03.2019

nachtkritik.de: Dem Tal auf den Grund gehen

"Früher war alles" – Jan Gehler erzählt mit Dirk Laucke und Freitaler Bürgern von einer exemplarischen Stadt im Osten

Freital ist überall. Das Festzelt, dessen weiße Plane sich bis hinter die Publikumstribüne zieht, mit seinen Bierbänken und der fiesen Mucke im Hintergrund, könnte in jedem Kaff stehen. Hier sitzen sie zusammen, die Alten und die Jungen, die mit den Jobs, die Arbeitslosen, die Punks und Grufties. Sie alle kippen Runde um Runde, singen Trinkverse wie "Nach Hause gehen wir nicht, bis dass der Tag anbricht", während drei kindliche Kellner für Nachschub sorgen. Das Bierzelt als Utopie: Hier kommt zusammen, was sonst einander oft nicht mal mehr einen Guten Tag wünscht.

Ist Freital aber wirklich eine Stadt wie jede andere? Der Ort, um den sich Dirk Lauckes Stück "Früher war alles" für die und mit der Bürgerbühne des Dresdner Staatsschauspiels dreht, ist ja nicht nur eine sächsische Große Kreisstadt, die erst 1921 aus mehreren Dörfern gegründet wurde, weil die Region wegen der Industrialisierung rasant wuchs – eine Schlafstadt, sagen die einen, Heimat, sagen die anderen. Sondern seit 2015 auch ein Symbol für einen Teil Deutschlands, der sich auf bedrohliche Weise vom demokratischen Konsens zu verabschieden scheint.

Davon aber will Laucke nur am Rande erzählen. Im Zentrum stehen nicht die Rechten, sondern Bürger einer Stadt, die fast alle Zugezogene sind: erst Heimatvertriebene aus den einstigen Ostgebieten wie Breslau, später Arbeitsnomaden innerhalb der DDR, dann Spätaussiedler aus der Sowjetunion, zuletzt die Flüchtenden von 2015. Drei Episoden montiert Laucke: In der ersten eckt Till überall an, macht sich mit zwei Kumpeln auf den Weg quer durch die Republik, endet aber nicht in der Freiheit, sondern in der Maloche in einer bruchreifen Zuckerfabrik. In der zweiten, bald nach der Wende, werden im Edelstahlwerk hunderte Arbeiter entlassen. Weggehen und die neuen Chancen nutzen? Bleiben und streiken? Währenddessen reibt sich die Jugend auf im Kampf gegen Neonazis, Polizei und Depressionen. Im dritten Teil lädt eine alte Frau zwei Flüchtende aus Eritrea zu sich ein, während der Mob kocht.

Hier, in dieser so zärtlichen wie komischen Episode, ist Regisseur Jan Gehler ganz bei sich. Denn einerseits gehört die Sprachverwirrung zwischen der alten Frau Senner sowie Benyam und Teodros zu den witzigsten Momenten des Stücks. Zum anderen geht hier die Besetzung mit Laien auf, weil Ilse Karsch (Jahrgang 1941) mit der Autorität ihres Alters und die 7./8.-Klässler Leon Voigt und Florian Göttert mit unbefangener Souveränität eine Spannung entfesseln, die einen vergessen lässt, dass man in einer Bürgerbühnenproduktion sitzt.

Weiterlesen...


←  Autor

©2011-2019 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung