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22.02.2019

nachtkritik.de: Zweifel an der Heimatfront

Familie Braun – In Halberstadt bringt Sebastian Wirnitzer Manuel Meimbergs bissige Neonazi-Satire auf die Bühne

Was machen zwei Nazis, die hauptberuflich PEGIDA-Schilder malen und rassistische Do-It-Yourself-Videos für ihren Youtube-Kanal drehen, mit einem schwarzen neunjährigen Mädchen? Auf Ebay versteigern? Verschenken? Aussetzen?

Das ist die Grundsituation in "Familie Braun", 2015 ein Überraschungshit fürs ZDF: Eines Tages steht Malaika bei Thomas vor der Tür und liefert Lara ab, die gemeinsame Frucht eines One-Night-Stands, weil sie selbst nach Eritrea abgeschoben wird. Wie sehr Lara mit kindlichen Fragen und unnachgiebigem Charme das Weltbild der beiden Nazis ins Wanken bringt und aus Thomas einen liebenden Vater macht, zeigte Drehbuchautor Manuel Meimberg in acht kurzen, absurd zugespitzten Episoden, selten länger als fünf Minuten. Handlung und Charaktere bleiben bei aller Unwahrscheinlichkeit angenehm uneindeutig: Jederzeit könnte die Spannung, die Drehbuch und Maurice Hübners Regie erzeugen, in Gewalt umschlagen, aber auch in Sex – ständig knistert es merkwürdig zwischen Thomas und Kai. Kein Wunder, dass Lara irgendwann fragt: Seid ihr schwul?

Beides scheint auf der Bühne nur in Momenten auf. In seiner Stückfassung lässt sich Meimberg wesentlich mehr Zeit, um Thomas’ Wandlung vom Saulus zum Paulus stärker zu motivieren, etwa indem er dessen Exfreundin Julia einbaut. Damit nimmt er Tempo raus, gewinnt aber an Glaubwürdigkeit. Anders als Edin Hasanović, der in der Serie als Nazi etwas deplatziert wirkte, prollt Eric Eisenach als Thomas beim Try Out in Halberstadt lange rum, wirkt zwar ziemlich irritiert von Lara, aber auch abgrundtief genervt. Erst allmählich sieht man es in ihm arbeiten.

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