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03.03.2019

Berliner Morgenpost: Reichsbürger außer Rand und Band

Das Hans Otto Theater in Potsdam hat sich Theodor Storms „Schimmelreiter“ von 1888 vorgenommen - ein dröger Versuch

Einmal, da singen sie im Hintergrund: „Schleswig-Holstein, stammverwandt, wanke nicht, mein Vaterland!“ Ein schöner romantischer Chorsatz. In seiner leisen Wiederholung klingt er hier allerdings ziemlich grimmig. Geschrieben wurde das Schleswig-Holstein-Lied im 19. Jahrhundert, als das Land unter dänischer Herrschaft stand. Vielen ging das gegen den Strich. Etwa dem Dichter Theodor Storm, der deshalb ins Exil ging, auch nach Potsdam.

Jetzt hat sich das Hans Otto Theater seine großartige „Schimmelreiter“-Novelle von 1888 vorgenommen: Hauke Haien, klug, begabt, ehrgeizig, aber nur mit kleinem Erbe ausgestattet, gelingt es Deichgraf zu werden. Er ist ideal für dieses Amt. Weil die Leute immer wieder betonen, dass er es nur dank seiner reichen Frau so weit gebracht hat, will er es ihnen beweisen, mit einem neuen Damm, der hundert Jahre hält und zugleich Land gewinnt.

Haukes Ehrgeiz, auch sein Freidenkertum, bringen die Leute gegen ihn auf. Am Ende sterben er und seine Familie in einer Sturmflut. Warum? Bei Regisseurin Karin Plötner sind die anderen Schuld: Wie in einer Hetzjagd (Achtung: Chemnitz!) treiben sie Hauke und Elke den Damm hinauf, bis sie gemeinsam in den Tod stürzen.

Plötner erzählt Storms Geschichte als „Volksfeind“-Version. Auf einer Schräge, die mit seiner Teerpappe eher aussieht wie ein Dach als ein Deich, betont sie die fanatische Seite der Menschen: Statt in einer pietistischen Sekte rotten sie sich hier in einer christlichen Bürgerwehr zusammen, regen sich im Suff über die Obrigkeit auf, treffen sich mit Fackeln im Sturm. Reichsbürger außer Rand und Band.

Das Problem: Plötner opfert ihrer These sämtliche Feinheiten und poetischen Momente. Sie streicht Haukes und Elkes gemeinsames Kind, erzählt nicht von Liebe oder Menschlichkeit. Sondern von einem, der sich hochkämpfen muss – und an den bösen Rechten scheitert.

Nur selten entwickelt Plötner daraus etwas szenisch Zwingendes: Bedrohlich fliegen die Sandsäcke, bedrohlich klopfen die Kneipengrummler mit ihren Schnapsfläschchen auf den Boden. Aber selbst da fehlt es an Rhythmus. So bleibt ein höchst knöchernes Erzählgerüst, an dem sich die Schauspieler mühsam entlanghangeln.

Guido Lambrechts geradliniger Hauke schaut immer etwas bedröppelt, stemmt sich mit aller Körperspannung gegen die Umwelt und verkriecht sich, wenn’s gar zu arg wird, im Schoß von Kristin Muthwills Elke. Deren norddeutsche Nüchternheit ist Missmut gepaart mit Stolz. Wenn er als Knecht an ihren Hof kommt, prüft sie seinen Körper wie den eines Pferdes.

René Schwittay als Haukes Gegenspieler Ole ist ein Ganzkörper-Bösewicht, Alina Wolff als Vollina guckt ausdauernd fies, Moritz von Treuenfels stolziert als Oberdeichgraf mit Gönnermiene herum, als käme er gerade von einer Jagdgesellschaft. Was auch an den treffenden Kostümen von Johanna Hlawica liegt.

Ihre Gummistiefel- und Steppjackenvariationen aber können diesen drögen Versuch nicht retten, aus Literatur Theater zu machen.


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