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22.12.2011

Berliner Morgenpost: Schauspieler Jürgen Hentsch ist gestorben

Der Schauspieler Jürgen Hentsch war für seine Charakterrollen bekannt. Ein Stirnrunzeln, ein leichtes Beben in der Stimme, ein Räuspern: Er verschwand gänzlich hinter seiner Rolle. Am Mittwoch starb er nach langer Krankheit im Alter von 75 Jahren in Berlin.

Er war ein Schauspieler für den zweiten Blick. Einer, der so sehr mit seiner Rolle, seiner Maske, ihren charakteristischen Merkmalen verschmolz, dass man ihn selbst dahinter kaum noch erkannte. Als Schriftsteller Heinrich Mann verschwand Jürgen Hentsch im Mehrteiler „Die Manns“ fast hinter Spitzbart und freundlicher Brille, blieb aber dennoch enorm präsent. Problemlos bestand er gegen Armin Mueller-Stahls Thomas, dem viel mehr Raum eingeräumt wurde. Ein Stirnrunzeln, ein leichtes Beben in der Stimme, ein Räuspern – fertig war der Dichter, für den er 2002 sowohl mit dem Grimme-Preis in Gold als auch mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Vielleicht war Hentsch die Idealbesetzung, weil er ein begeisterter Leser von Heinrich Mann war, ein kritischer Intellektueller, der auch Iwan S. Turgenjew und Anton Tschechow liebte, Zwischenton-Künstler wie er selbst. Damit hatte er Erfolg, auf der Bühne, beim Film, im Fernsehen.

Prägnante Stimme

Durch einen Zufall kam Hentsch zum Theater. In einer Zeitung, in die seine Großmutter die Kartoffeln geschält hatte und die er zur Mülltonne trug, soll Hentsch die Such-Anzeige der Berliner Schauspielschule gelesen haben. Hentsch bewarb sich 1954 bei der späteren „Ernst Busch“-Hochschule, wurde genommen und avancierte zu einem prägenden Schauspieler des Ostberliner Theaters und des gesamtdeutschen Films.

Oder sollte man besser sagen: zu einer prägenden Stimme? Sonor klang sie, leicht angeraut, klar artikuliert. Mit seinem abwägenden, eine große Geborgenheit verströmenden Erzählerton war er der ideale Vorleser. Große Romane der Weltliteratur sprach er als Hörbuch ein, Philip Roths „Der menschliche Makel“ und Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“, aber auch Shakespeares Sonette.

Geprägt wurde dieser nuancenreiche Ton am Theater. Nach seiner Ausbildung ging er über Gera und Chemnitz 1965 zurück nach Berlin. Am Deutschen Theater spielte er bis Mitte der 80er Jahre unter Frido Solter und Hans-Diether Mewes in Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“, den Leicester unter Thomas Langhoff in Schillers „Maria Stuart“ und den Buckingham in Shakespeares „Richard III.“ unter Manfred Weckwerth. Er arbeitete mit Thomas Langhoff, Adolf Dresen und Alexander Lang – und spielte hier an der Seite von Dieter Mann, mit dem er 1967 auch in Konrad Wolfs Klassiker „Und ich war neunzehn“ vor der Kamera stand.

Mitte der 80er Jahre verließ er die DDR Richtung Westen, setzte seine Karriere bruchlos fort, am Wiener Burgtheater, den Münchner Kammerspielen, der Berliner Schaubühne. Hier spielte er 1988 den Duncan in Jürgen Goschs legendärer Einstiegsinszenierung an der Schaubühne – legendär, weil sie komplett floppte. Ein „Desaster“, urteilten die Kritiken, „unsinnlich, unpolitisch, blutleer“ und „zeitlos hässlich“.

Vielleicht war es diese Begegnung mit dem Regietheater, vielleicht aber auch einfach die wachsenden Möglichkeiten, die Hentsch nach 1990 ganz beim Film haben heimisch werden lassen. Sein leises, zurückhaltendes Erkunden eines Charakters, sein kaum merkliches Mienenspiel, das sich oft nur im Zucken eines Muskels zeigte, war auf den Bühnen immer weniger, vor der Kamera umso stärker gefragt, seine präzise und disziplinierte Arbeitshaltung und sein Faible für zerrissene Charaktere ebenso. Lob erntete er als Physiker Werner Heisenberg in Frank Beyers „Ende der Unschuld“ von 1991 an der Seite von Udo Samel, doch erst Romuald Karmakars Dokudrama „Der Totmacher“ vier Jahre später machte ihn einem größeren Publikum bekannt: Er spielte Professor Ernst Schultze, der die Zurechnungsfähigkeit des Massenmörders Fritz Haarmann prüfen soll – und bot Götz George in einem packenden Gespräch überzeugend Paroli.

Danach war er vor allem im Fernsehen präsent, in Krimis, auch in Mehrteilern. Als Herbert Wehner in Oliver Storz' Film „Im Schatten der Macht“ knarzte er das SPD-Urgestein brillant hin, eine Studie, genau bis in die Atempausen und jeden Pfeifenzug. Für diese Leistung erhielt er 2004 den Deutschen Filmpreis.

Sein strenges Arbeitsethos verbot es ihm, sich über sein Privatleben auszulassen. Er war mit Ehefrau Wassilka verheiratet, blieb jenseits der Bühne und des Sets stets unauffällig. Nie drängte er die Öffentlichkeit, auf Galas, Talkshow-Sofas und Klatschseiten suchte man ihn vergeblich. Nur eine Anekdote aus seiner Kindheit ist überliefert, die er erzählte, als er 2006 in Kai Wessels ARD-Zweiteiler „Die Flucht“ den konservativen Adligen Berthold Graf von Mahlenberg spielte, der seine Tochter zur Treckführerin macht, sich aber weigert mitzukommen. 1945 wurde Hentsch selbst als Neunjähriger mit seiner Mutter evakuiert. „14 Tage hat der Marsch zu Fuß aus Tschechien zurück nach Görlitz gedauert“, erzählte er später. „Übernachtet haben wir in Wäldern und um den Trümmerhaufen Dresden einen Bogen gemacht; er war am Horizont sichtbar. Noch am 8. Mai beschossen uns Tiefflieger. Ich habe in einer Ackerfurche gelegen und die kleinen Erdfontänen der Einschläge gesehen.“

Gestern ist Jürgen Hentsch nach langem Leiden in einem Krankenhaus in Rüdersdorf östlich von Berlin gestorben. Er wurde 75 Jahre alt.


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