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05.12.2011

Berliner Morgenpost: Bestseller-Roman "Tschick" als irres Rollenspiel auf der Bühne

Das Leben kann ziemlich ätzend sein mit 14, vor allem, wenn man als Langweiler der Klasse gilt und als einziger nicht zur Party des Mädchens eingeladen wird, in das alle verknallt sind – man selbst eingeschlossen. Bevor Maik Klingenberg aber Zeit hat, sich im Selbstmitleid aufzulösen, taucht Tschick auf, der ebenfalls nicht eingeladene Klassen-Russe.

Im geklauten Lada, ohne Karte und Kompass machen sich die beiden Richtung Walachei auf. Es wird die beste Woche ihres Lebens.

Quer durch den wilden Osten schickt Wolfgang Herrndorf die beiden Jungs in seinem grandiosen Roman "Tschick". In der kleinen Box des Deutschen Theaters wirft Alexander Riemenschneider nur wenige Wochen nach der Uraufführung in Dresden statt röhrendem Motor das Kopfkino an. Zwischen Podesten mit Wüstensand, Kakteen und Glühbirnenrand, hinter denen der Sehnsuchtsort Walachei in Großbuchstaben leuchtet, erzählen Sven Fricke und Thorsten Hierse in knapp zwei Stunden die Geschichte als verrücktes Rollenspiel.

Beide sind sie Maik, zwei Normalos in Jeans, Sneakers, T-Shirt, aber auch alle anderen Charaktere. Selbst mitten im Dialog wechseln sie fliegend die Rollen. Verwirrend ist das nicht, sondern hervorragend gespielt. Bei Hierse sitzt jede behutsame Geste, jeder Akzent; oft ist es nur sein Blick, ein neuer Ton in seiner Stimme, die andeuten, dass er plötzlich als Lehrer spricht oder als Mutter, während Fricke gröber schnitzt, aber herrlich komische Miniaturen hinfetzt.

Toll auch die Lösung, wie sich Isa materialisiert: Als sie das Mädchen als dreckigen Kobold auf der Müllhalde auflesen, rotzen die Jungs sie noch als Karikatur hin. Erst als Maik sie als Frau wahrnimmt, steht Natalia Belitski auf der Bühne. Dass diese Episode so schnell verfliegt, dass andere Lieblingsszenen fehlen – Schwamm drüber. Insgesamt funktioniert die Fassung von Robert Koall hervorragend, und neben den Pointen zünden auch die Momente ungehemmter Melancholie, die bruchlos zurückkippen in den Witz, etwa wenn Fricke aus Maiks Depri-Stimmung ein Selbstmitleidslied zimmert. Natürlich spart man sich mit einem Box-Besuch nicht die Romanlektüre. Aber auch hier bleibt "Tschick" eine Feier des Lebens, die glücklich macht.


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