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14.12.2011

Berliner Morgenpost: Die Lust am Spiel

Alte Liebe rostet nicht? Und ob! Richard mag das zwar nicht wahrhaben wollen und auch Liesbeth scheint gelegentlich zu vergessen, warum sie einst die Zusammenarbeit mit Richard aufgegeben hat. Als die beiden Schauspieler nach gut zehn Jahren wieder gemeinsam proben, werden die Verletzungen wieder sicht- und spürbar - und das, obwohl die Leidenschaft füreinander und die gemeinsame Arbeit sich immer wieder Bahn bricht.

 

Wer hier aber eigentlich mit wem, in welcher Zeit und hinter welcher Maske spielt, ist ziemlich schwer zu durchschauen in Maria Goos Stück „Der letzte Vorhang“. Hemmungslos huldigt die niederländische Autorin Edward Albees Eheterror-Drama „Wer hat Angst von Virginia Woolf“ (das Original läuft ab Sonntag im Theater am Kurfürstendamm), das oft in zeitgenössischen Stücken anklingt, aber selten so offensiv zitiert wird wie hier: In der berühmten Hollywood-Verfilmung spielten Richard Burton und Liz Taylor die Hauptrollen, ein Paar, das das mit der Trennung von Kunst und Leben nie richtig hinbekam.

Wenn im Renaissance-Theater bei der deutschsprachigen Erstaufführung also Lies und Richard (die Namensähnlichkeit ist natürlich kein Zufall) rund um das braune Chippendale-Ledersofa harte Alkoholika verspritzen, umstellt von sechs großen Scheinwerfern (mehr braucht Ausstatter Tom Schenk nicht, um die Probebühnensituation zu skizzieren), dann droht das ganze Konstrukt zusammenzubrechen vor lauter Ebenen und Bezügen. Beinahe – denn erstens ist Goos eine Strippenzieherin, die weiß, wie sie aus der im Grunde banalen Grundsituation Spannung holt. Zweitens ist Regisseur Antoine Uitdehaag ein Mann für klare Konturen. Drittens aber bietet „Der letzte Vorhang“ in seinem beständigen Schillern zwischen Stück im Stück und vermeintlicher Realität, zwischen Vergangenheiten, Gegenwart und Utopie großartiges Schauspielerfutter.

Dementsprechend hemmungslos ziehen die alten Schillertheater-Kollegen Suzanne von Borsody und Guntbert Warns alle Register, treten aber an den Schmerzpunkten rechtzeitig auf die Bremse. Beide haben ein sichtbares Vergnügen am Spiel mit den Verwandlungen und Brüchen: Wenn von Borsody gleich am Anfang die Rolle, die Lies im Stück spielt, so verkörpert, wie das Lies’ nur mäßig begabte Kollegin Jojanneke tun würde, lispelt sie sich überzeugend in die Schmiere. Erst nach ein paar Schock-Minuten (Warum ist die von Borsody so schlecht drauf?) schwenkt sie – nun als Lies – souverän auf Seelenzergliederung im „Virginia Woolf“-Stil um. Und wenn Warns cooler Richard später Lies’ kunstsinnigen Ehemann parodiert, wird daraus die Karikatur eines affektierten Trottels mit wedelnden Händen, während beide beim Erinnern an eine Polizeikontrolle im Vollrausch wirken wie Bonnie und Clyde auf der Flucht.

In die großen Lebens- und Liebesbetrachtungen zischen fiese kleine Geschosse mit Unterhaltungsmehrwert. Er: „Ich errege dich.“ Sie: „Du regst mich auf, das ist nun wirklich was anderes.“ Dennoch fesseln die Variationen über Charaktere und Momente, Sucht und Sehnsucht, die von Borsody und Warns spielen, mehr als die Variationen über Realität, Fiktion und Liebe, die Goos auf der Textebene verhandelt. Dort ergibt sich am Ende das Bild zweier Schauspieler, die einander ihre Geschichte vorspielen, mit einer verzweifelten Leidenschaft, als könnten sie so Fehler rückgängig machen oder den Rost von der alten Liebe kratzen. Natürlich funktioniert das nicht, der letzte Vorhang dieser selbstbespiegelnden Psychoshow fällt irgendwann doch. Aber in den gut zwei Stunden zuvor ist allein der Versuch ziemlich sehenswert.


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