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10.10.2011

Berliner Morgenpost: Schauspieler, die Außenseiter durchs Schaufenster beobachten

Alles beginnt mit einem Streit: Das Licht im Saal der Kammerspiele leuchtet noch, als Katharina Matz mit ihrem Vortrag beginnt: "Franz Kafka: Das Schloss".

Schon motzt Moritz Grove, sagt, Matz solle näher ans Publikum treten, und überhaupt, wozu müsse man eigentlich den Titel nennen, der stehe doch schon auf der Eintrittskarte. So geht das eine Weile, bis Grove die Bühne verlässt, von den anderen als Spielverderber gebrandmarkt. Als Grove wieder aufkreuzt, weigert er sich mitzuspielen, so dass ihm die andern K.'s Sätze ins Gesicht zischen. Erst als die Botschaft die Runde macht, dass K. kein Landstreicher, sondern tatsächlich ein vom Schloss beauftragter Landvermesser ist, wandelt sich die feindliche Stimmung: Nun wollen alle K. umarmen, ihm gratulieren, ihn berühren.

Stark ist diese Eingangsszene, die stärkste in Nurkan Erpulats Inszenierung von Kafkas 1922 entstandenem Romanfragment "Das Schloss", die nach der koproduzierenden Ruhrtriennale jetzt Berlin-Premiere feierte. Spielerisch zeigt sie, wie Außenseiter entstehen, legt nebenbei auch K.'s Charakter fest. Denn der Landvermesser ist ja kein Unschuldslamm und Mustermensch, sondern schon bei Kafka einer, dessen Selbstbewusstsein nicht immer von Arroganz zu unterscheiden ist. Zwar versucht K. sich anzupassen an ein System, dessen (Un-)Logik er nicht begreift. Im Kampf um Anerkennung aber pendelt er schroff zwischen Unterwürfigkeit und Stolz.

Erpulat und sein Dramaturg Jens Hillje, die Schöpfer des Ballhaus-Naunynstraße-Renners "Verrücktes Blut", bleiben eng an Kafkas Romanfragment, lösen es in konkrete Szenen auf. Neben ein paar handfesten Requisiten – Tische, Bänke, ein Waschtrog, eine Stehlampe, die am Bühnenrand auf ihren Einsatz warten – heben und senken sich auf Magda Willis sonst leerer Bühne drei gerahmte Glaswände, durch die die gerade nicht beteiligten Schauspieler auf das Geschehen blicken wie durch ein Schaufenster. Nichts bleibt dem Schloss, nichts den Dorfbewohnern verborgen. In seinem Streben, ins Schloss zu gelangen, begreift nur K. nicht oder nur schleppend, wer mit wem zusammenhängt.

So spitzen Erpulat und Hillje die Geschichte auf ihre Außenseiteraspekte zu: Während ein Kinderchor The-Doors-Lieder über Fremdheitserfahrungen singt, stößt K. überall auf Skepsis und Ablehnung. Als er selbst Herr über zwei Gehilfen wird, maßregelt er Tamer Arslan und Thorsten Hierse autoritär, die sich mit putzig-unterwürfigen Zwillings-Gesten überbieten. Als er glaubt, mit der Eroberung von Sesede Terziyans Frida, der Ex-Geliebten eines Schloss-Beamten, dem Machtzentrum nähergekommen zu sein, muss er sich als Schuldiener vor Thomas Schumachers fiesem Lehrer erniedrigen. Wie Aussätzige werden K.’s Bote Barnabas und seine Familie behandelt: Nüchtern, bei einer Zigarette erzählt Hierse als Barnabas’ Schwester Olga, wie aus den geachteten Dorfbewohnern schwarze Schafe wurden – einer der intensivsten Momente des Abends.

Allmählich fügt sich in den Kammerspielen eine unspektakuläre Erzählung der wichtigen Roman-Stationen. Was dem zweistündigen Abend allerdings fehlt, ist die sprichwörtlich kafkaeske Atmosphäre. Man begreift einiges, erspürt aber zu wenig. So schneit es wie im Roman auch auf der Bühne, aber das symbolschwere Unvermögen K.'s, sich in der weißen Landschaft zu orientieren, geht bei den paar weißen Flocken verloren.

Nebenbei erzählt der Abend davon, dass Nurkan Erpulat im regulären Theaterbetrieb angekommen ist. Nach dem Erfolg mit "Verrücktes Blut" bis hin zum Theatertreffen hat er dem naheliegenden Versuch widerstanden, aus Kafkas "Schloss" ein Migrationsdrama zu machen. Stattdessen beweist er, dass er auch jenseits von Klischee-Schichtungen sein Handwerk beherrscht. Mit dieser Inszenierung streift er bisherige Zuschreibungen wie postmigrantisch und Wunderkind ab. Jetzt kann der ganz normale Regisseurs-Alltag kommen.


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