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04.11.2011

Berliner Morgenpost: "Die Sonne" leuchtet matt und verlischt folgenlos

Ist es Größenwahn? Selbstironie? Publikumsveräppelung? Gleich nach der Pause gibt es eine Szene, in der die alte Schauspieldiva Elena Kritiken jenes Stücks zitiert, das den ersten Teil bildet: "Prätentiös, pseudo-tiefgründig, bombastisch, zieht sich das Stück in einer nichts erhellenden Gefälligkeit hin".

Also soll sich die Schmierenkomödie des ersten Teils absichtlich so grottenschlecht spreizen in der Uraufführung von "Die Sonne" an der Volksbühne? Olivier Py, Autor und Regisseur, ist in Deutschland kaum bekannt; in Frankreich wird er gerade als Chef des Pariser Odéon-Theaters von Luc Bondy verdrängt, dafür übernimmt er das ebenso renommierte Theaterfestival in Avignon. Als Odéon-Leiter hatte er auch mal Frank Castorf nach Paris eingeladen. Da kann man sich mal revanchieren, oder?

Py also hat ein Stück im Stück geschrieben, mit sofort verpuffenden Fragen wie: Hat das Theater einen gesellschaftlichen Auftrag und wenn ja, welchen? Gibt es eine Lösung im Konflikt zwischen Kunst und Geld, Erfindung und Realität, Theater und Leben? Alles dreht sich um Axel, Typ Verführer durch Frechheit. Für ihn zerschneidet Matthias seinen Körper, will Charlie sein Geschlecht wechseln, ist Senta schwanger. Auch ihr Freund, der hyperkorrekte Regisseur Josef, ist in Axel verknallt. Selbst der kleinkarierte Intendanten-Tyrann tanzt in Frauenkleidern vor ihm, während Elena Heiratspläne schmiedet.

Später wird Axel wahnsinnig, was wiederum nur eine Simulation ist. Alles Lüge? Alles verlogen! Währenddessen zerfallen die Kulissen in ihre Einzelteile und werden neu zusammengesetzt, wechseln die schillernden Kostüme, dreht sich die Bühne um sich selbst wie die titelgebende Sonne. Die Nebenrollen scheinen aus rein optischen Gründen besetzt worden zu sein: hübsche Jungs und ein Mädchen, verloren auf hysterischem Posten. Immerhin fasziniert Sebastian Königs Axel, der sich bedingungslos in seine faunischen Entgrenzungsorgien stürzt.

Was inmitten dieses Unsinns Ilse Ritter will? Hinreißend manieriert wie immer singt und säuselt sie ihre großäugige Lustgreisin hin. Und verpufft doch in der ausdauernden Sinnlosigkeit des Abends. "Die Sonne", hier glüht sie nicht, sondern leuchtet matt und verlischt folgenlos.


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