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29.10.2011

Berliner Morgenpost: Theater als Konditionstraining: Elf Stunden Ibsen

"John Gabriel Borkman" lief bis sieben Uhr früh im Prater.

 

Die ersten Zuschauer verlassen den Prater nach einer halben Stunde. Dabei zirpt und kreischt eine hohe, verzerrte Stimme gerade schwer verständlich, aber verheißungsfroh: "Jetzt fangen wir an, jetzt fangen wir an!" Anfangen? Jetzt? Die Ohren schmerzen bereits von einer Requiem-artigen Weltuntergangsmusik, von rasenden Atemgeräuschen, knallenden und knirschenden Schritten, von verzerrten Worten in Endlosschleife: "Acht Jahre!" oder "Ich kann es nicht fassen, alles stürzt zusammen", die eine alte Frau hervorzetert, während sie sich wieder und wieder auf einen Leichnam stürzt, der auf Eisschollen aus Pappe liegt.

Unterm Strich gehören sie zur Mehrheit der etwa 160 Besuchern, die „John Gabriel Borkman“ nicht bis zum Schluss verfolgten. Der Abend endete morgens um Sieben, etwa zehn Leute harrten bis dahin aus. Hinter ihnen lagen elf Stunden Theater Non-Stop. Und doch haben zumindest diejenigen, die vor Mitternacht das Theater verlassen haben, etwas verpasst: In die höhepunktarme Theatersaison mit ihren braven Déjà-Vus und ärgerlichen Flops stürzt "John Gabriel Borkman" wie ein torkelndes Ufo.

Das deutsch-norwegische Künstlerduo Ida Müller und Vegard Vinge hatte mit seiner Ibsen-Travestie "Ein Puppenheim" schon das Nordwind-Festival vor zwei Jahren aufgemischt. Jetzt richten sie "John Gabriel Borkman" zu, jenes späte Ibsen-Drama, das auf unheimliche Weise ans Heute andockt. Wer die Geschichte und ihren Autor nicht parat hat, bekommt sie und ihre Deutung als "Programmheft" auf den Kunststoff-Vorhang projiziert: Borkman ist ein Aufsteiger, der als Bankchef riesige Summen verzockte, dafür in den Knast kam, nun das Haus nicht mehr verlässt, aber immer noch seinen Allmachtsphantasien nachhängt. Mit seiner Frau Gunhild steckt er im Stellungsehekrieg fest. Deren Zwillingsschwester und Borkmans Ex-Geliebte Ella endeckt, dass sie für Borkmans Machtstreben geopfert wurde. Alle drei wollen, dass es der Borkman-Sohn Erhart besser macht – in jeweils ihrem Sinn. Doch der brennt mit der wilden Fanny Wilton durch.

Ordentlich Zündstoff, den Müller, Vinge und ein (nicht näher auseinanderdividiertes) Team von etwa 90 Leuten erfrischend schräg und mit größtem Aufwand zu einem rekordverdächtigen Ibsen-Kommentar schnüren, der einem oft um die Ohren fliegt wie all die Handgranaten und Dynamit-Päckchen, die hier massenweise detonieren. Zum Beispiel hat Ibsen sich von Friedrich Nietzsche zum Übermenschen-Gefasel Borkmans inspirieren lassen, der wie eine Mischung aus allen dreien aussieht. Also dröhnen und orgeln Wagner-Ouvertüren, stapelt sich im Tresor das Rheingold neben einer Hakenkreuzplakette, rattern irgendwann Panzer und Hubschrauber durchs Bild und ballern Soldatentruppen die Apokalypse herbei – so hätten wohl die Folgen ausgesehen, hätte Borkman seine Pläne realisiert.

Das ist in seiner Überforderung natürlich unerträglich. Und zugleich genial. Nervtötend. Und packend. Unendlich öde und himmelschreiend komisch. Allein die Bühne: alles aus Pappe. Ein Comic-Puppenhaus für böse Kinder, im Drogenrausch zusammengezimmert. Drunter gähnt später das Höllenloch, außerdem ein Stollen, in dem der alte Borkman (sein Vater war Bergmann) seinen Sisyphos-Stein wälzt. Hier stampfen, schreiten, trotten und trippeln die Ibsen-Zombies herum, ferngesteuert von einer höheren Macht. Mit ihren grotesken Vollmasken wirken sie wie eine Mischung aus Familie Flöz und Gruselkabinett.

So geht das Stunde um Stunde – pausenlos. Die Zuschauer kommen und gehen. Manchmal ist im Foyer mehr los als im Saal. Hier gibt es Möhreningwer- und Hühnersuppe, Sandwiches und jede Menge Getränke; unter der Zuschauertribüne verkaufen zwei junge Männer Hotdogs in sechs Variationen.

Gegen 1.30 Uhr stagniert der Abend zum ersten Mal richtig. Im Foyer ist es dennoch leer. Drinnen häufen sich die Pannen, schreit der Splatter-Schreihals-Nazi, der anfangs die Leute Utiya-mäßig abknallt und so eine Art Alter ego Borkmans ist: „Hallo Licht! Seid ihr eingeschlafen? Ich wollte Licht, aber jetzt ist es zu spät!“ Während unten Gunhild von Soldaten vergewaltigt wird, kommt ein Teufel in Nazi-Uniform und versucht, dem Amok-Schreihals rektal einen Riesendildo einzuführen – der Abend ist erst ab 18.

Gegen 2 Uhr 20 gibt’s dann doch so eine Art Pause, auf dem Vorhang läuft ein Video, vor dem Prater stehen die Leute erschöpft und rauchen. Immer wieder gibt es neue Gerüchte um die mögliche Restdauer. Ein, zwei, vier Stunden? Drinnen hält sich ein harter Kern von etwa 30 Leuten, aber ihre Gesichter werden zu monotonem Akkordgehämmer immer verkniffener. Als ich um 4 Uhr 30 gehe, hat sich die Inszenierung vollends in Monotonie verheddert. Die ersten fünf Stunden allerdings, die haben’s in sich. Vertrauen kann man darauf nicht – jeder Abend soll vollkommen anders sein.


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