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07.11.2011

Nürnberger Nachrichten: Mittelalterspektakel als Persiflage

"Das Käthchen von Heilbronn" zum Auftakt des Kleist-Festivals in Berlin.

 

Was findet Käthchen denn ausgerechnet an dem? Gerade haben ihr Vater und ihr Verlobter dem Publikum (also dem Femegericht) berührend die Klage gegen den Grafen vom Strahl vorgebracht, da stolpert ein Riesenkerl breitbeinig auf die Bühne, ganz in schepperndes Blech gekleidet, stößt seine Verteidigung hervor, als wären’s Flüche und tut so, als wäre das zarte, blonde Geschöpf ein lästiges Tier. Joachim Meyerhoff klotzt einen Macho hin, als hätte er ihn direkt aus Albrecht Dürers „Ritter, Tod und Teufel“ kopiert und mit einem Rocker von heute gekreuzt: ein genervt-cooles Raubein, der ohne seinen Assi Gottschalk aufgeschmissen wäre, wenn es um Fakten geht, aber jeden Feind gnadenlos zusammenhaut.

Dieser grandiose Auftakt trifft das Problem von Heinrich von Kleists märchenhaftem Mittelalterspektakel „Das Käthchen von Heilbronn“ am Berliner Maxim-Gorki-Theater im Kern: Wahrscheinlich ist die Geschichte auch jenseits von Cherubim und vertauschten Briefen nicht gerade, die aus der Schmied- eine Kaiser-Tochter werden lässt und die Braut eines Mannes, der sie zwischendurch schon mal mit der Peitsche züchtigt. Also kann sich Anne Müllers stilles, blondes Käthchen voll glühender Naivität und funkelndem Blick auch in diese Testosteronschleuder mit fieser Mähne verlieben – der Engel, der ihr im Traum erschienen, hat’s ja so gewollt!

Regisseur Jan Bosse, der schon so manchen Klassiker angenehm aufs menschliche Maß reduziert hat, übertreibt es allerdings mit der Ironie ein wenig. Dass Sabine Weibels Oberzicke Kunigunde wie eine Filmdiva Szene für Szene ihre gesamte Erscheinung wechselt zwischen Kleopatra, 70er-Porno-Häschen und züchtigem deutschen Mädel (als sie vor der Gräfin erscheint), funktioniert zum Beispiel hervorragend. Doch mit der an sich vielversprechenden Idee, die Knautschpuppenspieler von Das Helmi die Nebenrollen übernehmen zu lassen, stellt sich Bosse selbst ein Bein. Die Dauergäste beim Internationalen Figurentheaterfestival und feste Größe der Berliner Off-Szene verselbstständigen sich zunehmend. Auf die Kleist-Frage „Was ist das?“ antwortet einer der drei Helmi-Jungs: „Das ist das trashige Element!“ Allerdings. In der Köhler-Hütte hat das noch Witz, der mit Kleist vereinbar ist. Später aber bleibt nur noch freie Klassiker-Persiflage, die ziemlich kläglich absäuft.

Dass der Abend nicht gänzlich im „Ritter der Kokusnuss“-Jux versandet, liegt an den Spielern, vor allem an Burgtheater-Gast Meyerhoff, dessen Ritter sich vom seiner Libido ohnmächtig ausgelieferten Über-Macho zum aufrichtig Liebenden wandelt. Und auch den anderen (Albrecht A. Schuch, Matti Krause und Ruth Reinecke in wechselnden Rollen) gelingt es, Kleists so schwierig wie phantastisch gespannte Sprache für Momente funkeln zu lassen, was auf deutschen Bühnen nicht unbedingt selbstverständlich ist.

„Das Käthchen von Heilbronn“ ist die Auftaktpremiere zu gut zwei Wochen Kleist-Festival: Bis zu seinem 200. Todestag am 21. November zeigt das Maxim Gorki Theater sämtliche Werke, leicht gekürzt. An den Dramen und Novellen arbeiten sich lauter preisgekrönte Regisseure, Off-Kollektive und Schauspieler ab: Edgar Selge und Franziska Walser spielen die Hauptrollen in Bosses Kult-Inszenierung vom „Zerbrochenen Krug“, SheShePop fühlen sich in die „Marquise von O.“ ein und Hausherr Armin Petras zeigt neben „Die Hermannsschlacht“ (als München-Gastspiel) und „Prinz Friedrich von Homburg“ auch „Das Erdbeben in Chili“ mit Christian Friedel. Finanziert wird das Festival aus Drittmitteln, vor allem von der Kulturstiftung des Bundes. Denn das Maxim-Gorki-Theater ist das kleinste, vor allem aber ärmste der fünf großen Berliner Theater. Deshalb will Petras 2013 nach Stuttgart wechseln, das mit mehr Geld und Möglichkeiten lockt. Bedauerlich ist das für Berlin: Denn während das Deutsche Theater nur selten zu Höchstform aufläuft, das Berliner Ensemble zum Theatermuseum erstarrt ist, Frank Castorf an der Volksbühne an seiner Kanonisierung arbeitet und an der Schaubühne die Inszenierungen oft arg poliert geraten, hat sich das Maxim-Gorki-Theater mit seiner andauernden Selbstüberforderung im Triumph wie im Scheitern zur spannendsten Bühne gemausert. Was nach 2013 kommt, ist völlig offen.


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