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16.12.2011

Nürnberger Nachrichten: Sporthelden und totalitäre Macht

Josef Haslingers spannender Roman "Jáchymov" über die Willkür eines Regimes

 

1948, kurz vor Silvester: Der LTC Prag, die beste Eishockeymannschaft Europas, spielt beim Spengler Cup in Davos – und erhält das lukrative Angebot, in der britischen Profiliga ein Exilteam aufzubauen. Fast alle von ihnen sind Teil der tschechoslowakischen Nationalmannschaft und damit amtierende Weltmeister. Plötzlich diskutieren sie heiß: gehen oder bleiben? Exil oder totalitäre Heimat? Was würde mit den Familien geschehen? Dürften sie nachkommen, würden sie bestraft werden?

Man einigt sich, nach dem letzten Spiel in geheimer Wahl abzustimmen. Das Heimweh siegt. Ein Fehler, wie sich herausstellt: 1950 wird die gesamte Eishockeynationalmannschaft festgenommen, verurteilt und in Gefängnisse und Straflager gebracht.

Aus einem Detail der Welt- und Sportgeschichte entwickelt der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger seinen Roman „Jáchymov“: In diesem ältesten Radiumsol-Heilbad der Welt, früher Sankt Joachimsthal, begegnet der Wiener Kleinverleger Anselm Findeisen der Tochter des Eishockey-Nationalkeepers Bohumil Modrý. Der Star der Mannschaft wurde zur längsten Freiheitsstrafe und heftigsten Zwangsarbeit verurteilt: In den Bergwerken von Jáchymov muss er Uran für die Sowjetunion abbauen – ungeschützt, oft mit bloßen Händen. Nach seiner Entlassung stirbt er mit 47 Jahren an den Folgen der Verstrahlung.

Seine Tochter trägt an diesem Schicksal schwer, kann nicht loslassen, konserviert ihre Wut. Für Findeisen schreibt sie die Geschichte ihres Vaters auf – in knapper, nüchterner und dennoch leidenschaftlicher Prosa, durchbrochen von Traumsequenzen. Diese reale Biografie einer fiktiven Tochter verschränkt Haslinger auf mehreren Ebenen mit der Gegenwart, in der der kranke Verleger das Manuskript liest: Sein Leiden, dass sich ausgerechnet während der Kur in Jáchymov bessert, entspricht dem körperlichen Verfall Modrýs. Auch Findeisen stammt aus einem totalitären System, der DDR, deren glühender Verfechter er zunächst war.

Haslinger, spätestens seit seinem brillanten Politthriller „Opernball“ eine feste Größe in der österreichischen Literatur und Professor am Leipziger Literaturinstitut, erzählt leise, behutsam und immer spannender von Folter, Terror und politischer Willkür. Dabei liegt eine Trauer über diesem Buch, die sich nur stellenweise aufhellt. Während man über die von Erfolg zu Erfolg jagende Mannschaft und ihren Helden Modrý liest, mehr über die glücklichen Kindheitsmomente der Familie erfährt und die vielen ungenutzten Möglichkeiten zur Emigration, zieht sich die Schlinge zu. So setzt Haslinger Jáchymov auf die Karte stalinistischer Schreckensorte und liefert, auch wenn einige Eishockey-Episoden arg detailliert geraten sind, ein unaufgeregtes Beispiel für gelungene Doku-Fiktion.


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