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11.10.2011

Nürnberger Nachrichten: Fulminanter Doppelschlag mit Leoš Janácek

Starker Start in die Berliner Opernsaison mit "Aus einem Totenhaus" und "Das schlaue Füchslein".

So stellt man sich die Knast-Hölle vor: hohe Betonmauern, die kaum Licht einlassen, dazwischen klein die Häftlinge, die immer neu an einer internen Hackordnung arbeiten. Männer in knirschenden Fußfesseln, die ihre Träger zu entwürdigenden Bewegungen degradieren. Ein sadistischer Platzkommandant, der sich als uneingeschränkter Herrscher aufspielt. Einen jenseitigen Unort hat Richard Peduzzi auf die Bühne der Staatsoper gebaut, wo sich die Wände lautlos verengen und weiten – auf Schienen, die wiederum an Konzentrationslager erinnern.

In seiner letzten Oper „Aus einem Totenhaus“ von 1928 erzählt Leoš Janáček nach dem Roman von Dostojewski von einer trostlosen Welt, in die nur selten Hoffnung bricht, wenn Häftlinge an einem Feiertag Pantomimen aufführen oder der Adlige Gorjantschikow, im Roman der Erzähler, dem jungen Aleja das Lesen beibringt. Aufschreiender Expressionismus, dumpf pulsende Verzweiflung, melancholische Volksweisen – Janáčeks Musik berührt unmittelbar, energisch angepackt und doch glasklar durchdrungen von einer formidablen Staatskapelle unter Philharmoniker-Chef Simon Rattle.

Rattle liefert eine Steilvorlage für Regie-Altmeister Patrice Chéreau, der sich, von der musikalischen Schilderung geleitet, auf die Figuren konzentriert: Obwohl die Bühne oft vor Menschen wimmelt – zu den 19 Solisten kommen 16 Schauspieler, ein Männerchor und Statisten –, besitzt jeder von ihnen individuelle Züge, und nur, weil ihnen ihre Mordgeschichten einen großen Gestaltungsraum bieten, ragen John Mark Ainsley als Skuratow und Pavlo Hunka als Schiskow aus dem großartigen Ensemble heraus.

Chéreau, der die Produktion bereits bei den Wiener Festwochen 2007 herausbrachte, sucht nicht nach bahnbrechenden Interpretationen. Mit im Grunde konservativen Mitteln entfacht einen erzählerischen Atem, der mitreißt. Dezent unterstreicht er Janáčeks Symbolik, etwa wenn der Adler, der von der Freiheit kündet, kein Federvieh ist, sondern eine Konstruktion, die an den menschlichen Traum vom Fliegen erinnert. Oder wenn zu Beginn des zweiten Aktes ein Berg Papier auf die Bühne kracht, den die Häftlinge aufsammeln müssen und der für Momente auch an jüngere Katastrophen wie den 9. September 2011 erinnert.

Ähnlich tief berührt Janáčeks nur wenige Jahre jüngere Oper „Das schlaue Füchslein“ von 1923. Andreas Homoki hat in seiner Ausstands-Inszenierung als Intendant der Komischen Oper (ab der nächsten Spielzeit leitet er das Opernhaus Zürich und Barry Kosky übernimmt das Haus) die psychologischen Strukturen des Werkes freigelegt. Statt einer putzigen Kinderoper, als die das Werk oft missverstanden wird, erzählt er vom alten Förster, der melancholisch auf sein Leben zurückblickt.

Eine faszinierende Traumlogik beherrscht die Drehbühne, die vier Mal die gleiche Wirtsstube zeigt: Hinten öffnet sie sich in einem großen Fenster zum Sehnsuchtsort Wald hin. Hier fängt der Förster die Füchsin Spitzohr, eine Rebellin, die ihre Mitschülerinnen (die Hühner) zum Widerstand gegen den Lehrer (der Hahn) anstachelt und später ausbüxt, um im Wald die große Liebe zu finden und zahlreiche Füchslein zu bekommen, bis sie ein Wilderer erschießt. Brigitte Gellers über die Bühne tollender Wildfang ist eine Projektionsfläche des männlichen Begehrens, eine Revoluzzerin mit Stummfilmstar-Gesicht, die sich – wie viele andere Protagonisten auch – im nächsten Moment schon in ein Tier verwandeln kann. Alle lieben hier, die „Menschen“ eher verzweifelt, die „Tiere“ glücklich: Wenn sich Füchsin und Fuchs begegnen, verschmelzen die herrlichen Stimmen von Geller und Karolina Gumos (eine junge Förster-Variante) in Vollkommenheit.

Wie Janáčeks letzte Oper lebt auch das „Füchslein“ von der Ensembleleistung, vom – hervorragenden – Chor, vor allem aber vom Orchester, das unter Bolschoi-Chef Alexander Vedernikov den Wald weben und krabbeln, raunen und rascheln lässt, dass einen die große Sehnsucht ankommt. Berlins Opernsaison hat gerade erst begonnen – an diesem fulminanten Janáček-Doppel wird sie sich messen lassen müssen.


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