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19.09.2011

Nürnberger Nachrichten: Der Traum von der Befreiung endet im Selbstmord

Nach langer Theater-Abstinenz inszenierte Leander Haußmann Ibsens "Rosmersholm" an der Berliner Volksbühne.

Weiße Mäuse sieht hier keiner, weiße Pferde schon: Wenn sie kommen, folgt ein Todesfall. Ein schöner Schmarrn, aber dass etwas dran sein könnte am Spuk, glaubt man doch, wenn Margit Carstensen hager an der Rampe steht, mit großen Augen ins Publikum blickt und ihre Zunge klackt und knackt, als ob die Hufen dumpf vorbeitrabten.

Von den weißen Pferden ist viel die Rede in "Rosmersholm", einem selten gespielten Drama von Henrik Ibsen: Ex-Pastor Rosmer will sich nach dem Tod seiner Frau zusammen mit Hausdame Rebekka von Traditionen und Religion lösen, will den Menschen adeln – aber am Ende reicht’s doch nur für einen kleinen Selbstmord zu zweit. Dass dieses düster dräuende Kammerspiel, dessen Protagonisten an der Mittelmäßigkeit und Kleinlichkeit ihrer Seelen ersticken, uns heute noch was sagen könnte, muss man schon zwischen den Zeilen lesen: Wenn kurz vor Schluss sämtliche Möchtegern-Revoluzzer den Bankrott ihrer Ideale erklären, könnte das Alt-68er ebenso interessieren wie die utopiearme Generation von Heute.

Was allerdings den Ibsen-erfahrenen Leander Haußmann dazu bewogen hat, ausgerechnet mit "Rosmersholm" seine acht Jahre dauernde Theaterabstinenz zu beenden, weiß man auch nach dreieinhalb Stunden nicht. Dabei spart der Abend nicht an Prominenz: Haußmanns Mutter Doris entwarf die Kostüme, der Filmausstatter Uli Hanisch ("Das Parfüm", "The International") die Bühne, Haußmanns Lebensgefährtin Annika Kuhl spielt die weibliche, Peter Lohmeyer die männliche Hauptrolle.

Und das alles an Frank Castorfs wilder Volksbühne (unter dem er als Anfänger in den 80ern spielte). So viel düster dröhnende Bürgerlichkeit gibt’s hier selten: Vorne stehen neobarocke Fauteuils hinterm Teetisch, hinten windet sich eine verschroben-barocke Treppe ins Leere, später hängt der Rundhorizont voller Ahnenporträts. Statt das etwas umständliche, aber eigentlich kurze Stück zu raffen, lässt Haußmann seine Schauspieler beim Tee im Schweinsgalopp durch die Dialoge rasen. Spannung? Dramatik? Stichwort-Klipp-Klapp!

Vor allem, wenn Peter Lohmeyer über die Bühne schleicht, ein hagerer Strich in Schwarz, unsicher wie ein Abiturient vor der Prüfung. Gegen Ende, als ihm die Pläne und Ideale zwischen den Fingern zerrinnen, trappelt er wütend mit den Füßen am Boden: Spielzeug kaputt, Rosmer böse! Auch eine Art Göre ist Annika Kuhls Rebekka: Mit rotem Kurzhaarschnitt und im eleganten tiefroten Cul de Paris steigt sie als Emanze ein, versucht sich dann als Vamp und endet als Heulsuse. Keine der Rollen will ihr passen. Wenn die beiden zusammen mit dem konservativen Rektor Kroll, den Ralf Dittrich als altväterliche Charge hinknattert, auf dem großen Sofa sitzen und bierernst schwere Gewissensgeschütze auffahren, wird's richtig komisch. Unfreiwillig: Das ist Loriot in schrecklichster Vollendung.

Dazu liefert Haußmann ernst gemeinte Späßle: Wenn der Trauerspargel Rosmer behauptet, große Anlagen zum Fröhlichsein zu haben und sich zum Beweis eine Tasse an die Stirn klebt, ist das ebenso peinlich wie die Idee, ihn unter einen regnenden Regenschirm zu stellen. Dass hier die lebenden Gespenster regieren, wie die überdimensionierte, sich drehende Treppe suggeriert, weiß einzig Margit Carstensens Madam Helseth, selbst ein stumm wandelnder Geist. Mit ihrer zerschrundenen Stimme im zerbrechlichen Körper erspielt sie eine spinnerte Klarsichtigkeit, die hoffen lässt, dass sich alles nur in ihrem Kopf zuträgt: ein Albtraum.


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