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13.09.2011

Nürnberger Nachrichten: Das Klappern in Natascha Kampuschs Kerker

Saisoneröffnung an den Berliner Bühnen: Von Jelineks "Winterreise" zum subpolaren Basislager "±0".

Die schönste Bühne der anbrechenden Saison ist schon gekürt: Wild blühen die Neurosen auf der Bergwiese, die Nikolaus Frinke für Elfriede Jelinks „Winterreise“ am Deutschen Theater entworfen hat. Zwischen saftig grünenden Gräsern und einem Blütenmeer gehen fünf Lieblingsschauspielerinnen in leichten Sommerkleidern und robusten Schuhen umher: Judith Hofmann, Annette Paulmann, Maria Schrader, Anita Vulesica und Susanne Wolff erwandern Jelineks preisgekrönte Innenschau.

Am Liedzyklus von Franz Schubert und Wilhelm Müller entlang rechnet die Nobelpreisträgerin mit sich selbst ab, kreist als „wunderliche Alte“, die hier ewig die „alte Leier“ spielt, um Mutter und Vater, um Politisches und die Verlagerung des Sexuellen ins Internet. Bei Regisseur Andreas Kriegenburg, dessen großartige Bilderfindungen in letzter Zeit eher schwachbrüstigen Einfällen gewichen sind, bleiben diese Seelenerkundungen zu sieben Liedern des Zyklus’ lange in einer angenehmen Schwebe: Einmal versammeln sich die Fünf im Halbkreis, um gespenstisch über Natascha Kampusch zu keifen, lästern, geifern, während sie Fotos so aneinanderschlagen, dass sie das Klappern des Ventilators in Kampuschs Kerker imitieren. Dann wieder versuchen sie sich zum „Lindenbaum“ mit Messern und Scheren selbst zu verletzen.

Doch nach der Pause, als man endlich einen Höhepunkt, einen klaren Zugriff erwartet, muss Maria Schrader in einem endlosen Monolog den dementen Vater betrauern – und rutscht im Gitterbett auf falschen Tönen aus. Ein schwacher Trost, dass schon Johann Simons mit seiner Münchner Uraufführung am 130-Seiten-Text gescheitert ist.

Kommen bei Kriegenburg die Schubert-Lieder vom Band, so war bei Christoph Marthaler schon immer alles live: In seinem „subpolaren Basislager“ „±0“ schlurft die Marthaler-Familie träge durch ein Anna-Viebrock-Bühnenbild, diesmal eine schräge Kombination aus Sporthalle, Schulsaal und Kantine. Oft schweigen sie oder brabbeln unverständlich miteinander, fangen dann an zu summen und zu singen, Brahms und Beethoven, Purcell und grönländische Weisen. Dann wieder knarzt eine körperlose Stimme aus einem Lautsprecher: „Warum sprechen die Menschen nicht miteinander?“, Handys klingeln, Schauspieler rennen gegen Wände, Rosemarie Hardy singt „Es gibt kein Bier auf Hawaii“. Marthaler ist also zurück in Berlin, noch zurückgenommener, noch kauziger als sonst. Allerdings nur halb: Der Berliner Premiere gingen schon die Uraufführung in Grönland und die Wiener Festwochen voran.

Eine echte Uraufführung war hingegen „The Day Before the Last Day“ (Der Tag vor dem letzten Tag) der israelischen Regisseurin Yael Ronen – die Koproduktion kommt erst im Dezember am Habima National Theatre in Tel Aviv heraus. Wie im grandiosen „Dritte Generation“, wo der unlösbare Nahostkonflikt und die Frage nach (historischer) Schuld diskutiert wurde, ist auch dieses Projekt der deutsch-israelisch-palästinensischen Schauspielertruppe eine bestechend kluge Bestandsaufnahme, diesmal von Glaube und Identität. Rasend komisch preisen sie im Marketing-Sprech ihre Religionen an – um die Satire in echte Schmerz-Momente zu treiben, wenn sich etwa aus der Trauer um Juliano Mer-Khamis, dem ermordeten Leiter des Freiheitstheaters im palästinensischen Jenin, eine komplexe Identitätsdebatte über das Selbstbild von Arabern nach dem 11. September 2011 entwickelt.

Übergangslos flitzt der kurze, gedankensatte Abend zurück in den geistreichen Witz, liefert auf jedes Argument ein Gegenargument. Die Entscheidung, ob und an was man glauben sollte, nimmt einem der Abend nicht ab. Aber allein die Diskussion ist den Gang in die Schaubühne wert. Anders als Friederike Hellers Versuch, hier Gerhart Hauptmanns Selbstfindungsdrama „Einsame Menschen“ zu deuten: Was den Privatgelehrten Johannes Vockerath vom Heimchen am Herd zu Jule Böwes blasser Dauerstudentin treibt, bleibt ebenso unklar wie die Frage, was uns das Ganze in Zeiten von problemlosen Scheidungen heute soll. Aber die Saison hat ja gerade erst begonnen – und da sind zwei gelungene Abende schon mal ein guter Start.


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