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16.12.2008

taz: Die wilden 1890er

Das ist starker Tobak für ein Jugendbuch: Adrian ist ein 16-jähriger Junge, der in den 1890er-Jahren des viktorianischen London als Ladenjunge sein ödes Dasein fristet. Bis ihm der Kunstmaler Augustus Trops ein eindeutig zweideutiges Angebot macht. Der gossengestählte Junge denkt nicht daran, es anzunehmen. Aber als er einige Tage später vom Chef vor die Tür gesetzt wird, landet er ausgehungert in Trops Bett, im Kreis um Oscar Wilde sowie in den Räumen der Little College Street, einer Stricherabsteige.

 

Die bange Frage, ob das in einem Jugendroman funktionieren kann, von Prostitution zu erzählen, zumal von männlicher, wird in "Ich, Adrian Mayfield" zunächst vom spannenden Fluss der Erzählung hinweggewischt. Die niederländische Autorin Floortje Zwigtman orientiert sich am dramatischen Auf und Ab der Dickens-Romane, passt ihren federnden Stil aber dem Ich-Erzähler Adrian an. Und gestaltet plastische Charaktere, deren Schicksalen man folgen will.

Vor allem dem von Adrian, der nebenbei sein Coming-out, die erste große Liebe und andere Krisen erlebt. Wenn man vor Hunger nicht mehr schlafen kann, ist auch Sex gegen Geld eine Möglichkeit. Zwigtman deutet zwar die Schattenseiten an, erspart ihrem Helden aber ein allzu hartes Erwachen. Explizit erotisch wirds erst mit dem Traumprinzen - ein kluger Schachzug. So ist "Ich, Adrian Mayfield", der erste Teil der Trilogie "Die grüne Blume", immer auch Entwicklungs- und Bildungsroman. Er führt geschickt ein in diese fremde Welt zwischen Armut und Verschwendung, Dekadenz und Doppelmoral. Und heran an Oscar Wildes Märchen oder die Geschichten Edgar Allen Poes. Eine vorrangig weibliche Fangemeinde fiebert bereits dem Erscheinen von Band 2 entgegen.


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