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14.02.2008

taz: Schwul ist kein Schimpfwort

Wir leben in einer toleranten rosa Republik – vordergründig. An Schulen gilt "schwul" immer noch als schlimmes Schimpfwort. Wie können Lehrer damit umgehen?

 

Bürgermeister großer Städte sind es, Pop- und Volksmusikstars, Talk-Ladys und "Tatort"-Kommissarinnen - sie sind homo, "und das ist auch gut so". Im Jahr sieben der Homoehe hat sich eine fröhliche Regenbogenrepublik ausgebreitet. Dabei muss man nicht lange suchen, um eine andere Realität zu erfahren: Die schöne neue Welt ist eine rosa Seifenblase. Auf Schulhöfen ist schwul das meistgebrauchte Schimpfwort, wer sich an einer Schule outet, muss mit Diskriminierungen rechnen. Im Unterricht allerdings ist Homosexualität um so seltener Thema. Schwule und lesbische Jugendliche gelten als viel stärker selbstmordgefährdet im Vergleich zu ihren Altersgenossen.

Nun hat "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" der Homophobie den Kampf angesagt. Das Projekt will nicht nur Rassismen, sondern auch die Diskriminierungen von Homosexuellen an Schulen zum Thema machen - und darüber aufklären. Das jüngste, 48-seitige Themenheft der Courage-Schulen namens "Sexuelle Orientierung" wendet sich direkt an Schüler ab etwa 15 Jahren. Im Sauseschritt durchläuft es die Themenfelder sexuelle Identität und sexuelle Orientierung, klärt die Begriffe trans- und intersexuell, wirft einen Blick auf religiöse und gesellschaftliche Diskriminierung und stellt das schwule Überfalltelefon vor. Zehn Seiten bieten Material für den Unterricht, sieben weitere verweisen auf Links und Literatur.

Das ist gut gemeint, stößt aber an Grenzen. Schlägt ein Schüler das Heft auf, fliegen ihm gleich allerhand Begriffe um die Ohren, die Zeit zum Verdauen bräuchten - etwa mit Beispielen aus der Welt der Jugendlichen. Hier aber rast der Text vom Gender-Diskurs direkt zu indischen den Hijras, ohne zunächst auf die Stereotypen und Abstufungen von gender performance im Alltag zu verweisen, wie dies unter anderem in der Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geschieht. Witz und jugendliche Frische sucht man vergeblich, leider.

Ein Problem des Themas und damit auch der Broschüre ist dieses: LehrerInnen sind beim Thema nicht klüger als ihre Schüler. Sie können entscheiden, ob sie Homosexualität und Homophobie überhaupt behandeln wollen. Das aber heißt, sie müssen zuerst von der Relevanz des Themas überzeugt werden. Sie sollten sich auch bestens informiert fühlen, weil sie sich nur so blöden Sprüchen und hysterischen Lachern souverän stellen können. Empfehlenswert wäre hier die Handreichung "Lesbische und schwule Lebensweisen" der Berliner Senatsverwaltung für Bildung und Wissenschaft. Auf 180 Seiten ist das Thema Homosexualität hervorragend aufbereitet, gibt es zahlreiche Aufgabenanleitungen, bleibt der Ton stets sachlich und informativ.

Auch der Einsatz von Kinder- und Jugendbüchern bietet sich an, um im Unterricht über Diskriminierung zu sprechen. In Jens Thieles Bilderbuch "Jo im roten Kleid" werden spielerisch die Möglichkeiten und Grenzen der gender performance ausgelotet. Joyce Carol Oates hingegen bringt in ihrem brillanten Jugendroman "Sexy" das Problem von fehlender Courage auf einen unglaublich spannenden Punkt. Schüler spinnen gegen einen unliebsamen, angeblich schwulen Lehrer eine Intrige. Darren, der einschreiten könnte, zögert zu lange. Nur Wissen führt zu mehr Akzeptanz gegenüber dem anderen. Das Angebot ist groß. Lehrer sollten es sorgfältig prüfen. Und nutzen.


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