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08.01.2012

nachtkritik.de: Bei uns auf dem Vulkan

"Aus dem bürgerlichen Heldenleben" - Milan Peschel und Carl Sternheim demolieren in Hannover nochmal den trügerischen Schein

Hannover, 7. Januar 2012. Es hat schon was Surreales, wenn man irgendwo hin verreist und dort alles dem ähnelt, was man von zu Hause her kennt. Wie am Staatsschauspiel Hannover: Viereinhalb Stunden (inklusive Pause) dauert Milan Peschels Inszenierung "Aus dem bürgerlichen Heldenleben", neben den Ausmaßen sind auch die meisten Gags original Frank Castorf, mit Hendrik Arnst steht obendrein ein waschechter Volksbühnenschauspieler auf der Bühne. Dazu der Dreiklang aus Klappern, Trampeln, Brüllen – fertig ist die Hauptstadtkopie. Oder doch nicht?

Abkladderadatsch

Zunächst wirkt das, was Peschel mit den Stücken der Maske-Trilogie aus Carl Sternheims siebenteiligen Zyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" (1908 bis 1913) macht, wie ein fader Volksbühnen-Aufguss: In "Die Hose", wo die Spießbürgerlichkeit der Maskes triumphiert, gerade weil der vermeintliche Skandal – die Frau des Beamten verliert öffentlich ihre Unterwäsche und gewinnt so etliche Verehrer – die Familie finanziell saniert, stolpert der Boulevard eher mühsam vor sich hin. Vier Holztüren knallen auf dem schmalen Nudelbrett, hinter dem die Fototapete mit Biedermeier-Interieur wackelt, während sich vorne die Hysteriker und Neurastheniker überschreien, gewaltsam aufeinanderprallen, zu großen Augen fisteln, flöten, kreischen oder an der Rampe monologisieren. Sir Henry heißt hier Juri Kudlatsch und seift die Geschichte durchaus wirkungsvoll am Klavier ein mit Gassenhauern, Schubert und Wagners "Abendstern".

"Die Hose" ist Sternheim bekanntestes Stück: Hochnotkomische Szenen mit blitzenden Doppeldeutigkeiten und bürgerlichen Abgründen treffen auf plastische Charaktere. Hier bleiben sie Plapperpuppen in Reif- und Gehrock, weil Peschel oft Details und Pointen verschlampt, dafür neue, nicht unbedingt witzigere erfindet und immer noch einen Slapstick draufpackt: Stolper, oder ich fress dich!

Passgenaues Interesse

Je höher die Maskes im Sternheim'schen Zyklus aber steigen, je konsequenter sie auch ihre privaten Beziehungen durchökonomisieren, je stärker die Situation der unseren gleicht, mit skrupellosen Waffengeschäften und ungedeckten Aktientransfers in abenteuerlichen Ausmaßen, desto stärker scheint sich Peschel für die Geschichte zu interessieren. Statt sie sich amüsiert vom Leib zu halten, ziehen sich die Schauspieler ihre Rollen jetzt über. Und siehe da: Sie passen. Aljoscha Stadelmann etwa entwickelt als alter Theobald Maske eine umwerfende Körperlichkeit, als er sich in einem Anfall von Luftknappheit erst die Kleider vom Leib reißt, sich dann auf dem Teppich wälzt, bis Henning Hartmanns alerter Christian ruft: "Du schwitzt den Perser voll!"

Auch Moritz Müllers Bühne hat sich ins Mehrdimensionale gewandelt: Auf einem kaskadisch-schrägen Podest sind die Insignien der Großbürgerlichkeit angeordnet, Teppiche, ein Chippendale-Sessel, ein Flügel, rechts zucken surreal dunkle Flügeltüren vor der wallenden Tapetenwand. Hier wird Christians Ex Sybil, die ihm den Weg zum Erfolg ebnete und danach wie seine Eltern abgeräumt wird, als untoter Vamp zu Strawinskys "Frühlingsopfer" im von Bühnenarbeitern aufgerissenen Bühnenspalt entsorgt, weil die Gräfin als Heiratskandidatin schon feststeht.

Modisch im Heute, politisch im Abgrund

In "1913" stellt Christian als greiser Familienvater fest, dass seine Tochter Sofie seine Erfolgsgrundsätze moralfrei ins Unendliche dreht: Während er plötzlich die (klein-)bürgerlichen Wertevorstellungen wiederentdeckt, steuert sie als Waffenproduzentin geradewegs auf den Weltkrieg zu, weil der entfesselte Kapitalismus keine Grenzen kennt.

Jetzt dreht auch die Bühne frei, teilt sich, zeigt ihre Rückseite und später, wenn Mathias Max Hermanns deutschnationalrevolutionärer Sekretär Krey irgendwo zwischen Nazi-Schreckgespenst und brennendem Gegenentwurf zu den dekadenten Maske-Sprössen gruselige Thesen vorlegt, einen martialischen Metallfries im Arno-Breker-Stil. Schließlich tanzt die ganze Gesellschaft, modisch längst im Heute angekommen, zu Ragtime und Bombeneinschlägen. "Davon geht die Welt nicht unter", wusste Zarah Leander schon zuvor, nur ein paar Millionen Menschen gehen halt drauf.

Prophetische Modernität

Wie Peschel hier den Zynismus der Elite seziert, ist zwar noch immer reine Volksbühne, aber es funktioniert. Weil die Zersplitterungen, Sprünge und Einschübe die Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung treffen. Weil plötzlich Sätze aufleuchten, die sonst Gefahr gelaufen wären, im Geschwätz unterzugehen. Weil Peschel uns die prophetische Modernität Sternheims nicht um die Ohren haut, sondern sie erzählt. Am Ende wird aus spießbürgerlicher Verlogenheit und Wohlstandsstreben ein Kapitalmarktbeben und Krieg. Das mal eben so chronologisch hinzublättern, ist schon bemerkenswert. Es am Ende schillernd lebendig werden zu lassen auch.


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