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16.01.2012

nachtkritik.de: Letzte Fragen und letztes Gelaber

"Der Penner ist jetzt schon wieder woanders" (UA) – Am Maxim Gorki Theater bringt Ekat Cordes einen bösen Spaß von Juri Sternburg auf die Bühne

Berlin, 15. Januar 2012. Gott ist ein Schlagersänger? Spätestens seit Karel Gotts "Biene Maja"-Hit hat die Pointe zwar einen Bart, erweist sich aber als szenisch ergiebig: Im weißen Anzug, mit Pailletten-Halstuch und im Widerschein einer Diskokugel lässt Wolfgang Hosfeld die Sonne von Capri versinken, stepptanzt einmal auf und ab, verteilt Autogrammkarten und röhrt dann: "Ein Herz kann man nicht reparieren". Applaus vom Band, ein jugendlicher Assistent bringt dem Sugardaddy einen weißen Morgenmantel (mit Glitzer-"G." hinten drauf) und sein Toupet, bevor es an den Sinn des Lebens geht.

Der wird natürlich nicht geklärt in "Der Penner ist jetzt schon wieder woanders" von Juri Sternburg, uraufgeführt im Studio des Berliner Maxim Gorki Theaters. Dafür prallen beim Förderpreisträger des Theatertreffen-Stückemarkts 2011 rasant Diesseits auf Jenseits, letzte Fragen auf leeres Gelaber, Coolness aufs große Gefühl, Witz auf Gewalt. Die beiden Kumpels Andrej und Igor suchen ihren Dealer, der immer woanders ist, und auf dem Weg zu ihm legen sie in der U-Bahn alle um, die ihnen auf den Keks gehen.

In der Berliner Geisterbahn

Eine Berliner Splatterkomödie hat Sternburg geschrieben, schön schwarz und deshalb so leicht, weil jedes Klischee durch mindestens ein weiteres wieder aufgehoben wird und die Sprache immer locker bleibt. Bei der Theatertreffen-Urlesung waren die Hamburger Thalia-Jungs Jörg Pohl und Mirco Kreibich die aufgekratzt-lässigen Spieler; im Gorki-Studio gehen Anne Müller und Matti Krause ihre Rollen tastender an: Jede Pose probieren sie aus, führen sie vor, Müller immer ein bisschen müde-melancholisch, Krause mit der Freude eines Kindes, das seine Wirkung auf Erwachsene überprüft. Moralische Eindeutigkeiten? Geschlechtergrenzen? Politische Haltungen? Ihre verwundert-ironische Distanz lässt sämtliche Eindeutigkeiten kollabieren.

Sie hangeln sich im schmalen Gang zwischen den Zuschauern entlang, die links und rechts zwischen neongelben Stangen sitzen – Anna Bergemann hat die Berliner U- treffend zur Geisterbahn abstrahiert, Kerstin Narr die stereotypen Kostüme ins Neonschrille verzerrt: Die Touristen sprechen zwar Sächsisch und Schwäbisch, tragen aber Lederhose und Dirndl, der Sprayer im Che-T-Shirt wird mit Farbe und handgefilzter Rasta-Perücke "zum Neger" gemacht.

Düster dräuender Aufwand

Dass der politisch inkorrekte und auch deshalb befreiende Witz Sternburgs hier nicht so recht zündet, liegt vor allem am Regisseur Ekat Cordes, 2010 selbst Stückemarktteilnehmer als Autor einer Splatterkomödie. Statt auf Tempo zu setzen, zerdehnt er den kurzen, bösen Spaß: Überall packt er noch eins drauf, häuft Requisiten an, baut (natürlich reizende) Puppen ein. Bei all dem Aufwand, der lieber düster dräut als komisch swingt, geht allerdings mehr als einmal der Faden verloren und viel vom beißenden Witz des Textes.

Die Toten hakt er leicht desinteressiert ab, um dann breit die Begegnung mit Gott auszupinseln. Der Flitter werfende Budenzauberer lässt Milde walten mit den schmollend-altklugen Kindern, denen er die Lotto-Zahlen verrät und dass Holland im Meer versinken wird. Dann servieren die Jungs auch ihn ab. Dabei wollte er doch nur Arthur Conan Doyles letzten Roman "The Maracot Deep" lesen, wo am Ende das Gute über das Böse siegt. Das waren noch Zeiten ...


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