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20.01.2012

Berliner Morgenpost: Wehmut, Tollheit und herzzerreißender Witz

Sie verschlucken ihn, bauen ihm Brücken und Pyramiden, reichen ihn, in einer Reihe stehend, von links nach rechts durch und wieder zurück weiter, während er fragt: "Warum bringt sich eigentlich niemand mehr aus Liebe um?"

Ja, warum nur? Vielleicht, weil alle Gefühle durchökonomisiert sind, gesellschaftliche Konstrukte made in Hollywood? Oder weil es in Krisenzeiten genug andere Probleme gibt? Eine Antwort liefert René Pollesch nicht in seiner neuesten Volksbühnen-Show "Kill your Darlings! Streets of Berladelphia". Denn die "mussten wir rausschneiden", sagt Hinrichs. "Ihr hättet das einfach nicht ertragen, und wir hätten das auch nicht ertragen. Es war eine Antwort, die nicht zu leben ist."

Pollesch hat also in seinem dritten Langstreckenmonolog, den er seiner Muse Hinrichs auf den Leib geschrieben hat (nach "Der perfekte Tag" und "Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!"), auf seine Lieblinge verzichtet - zumindest weitgehend. Seine Textfläche ist weniger diskursverliebt als sonst, die große Theoriekeule bleibt stecken. Was aber der stumme Akrobaten-Chor erzählt, der hier gleich das ganze Prinzip Kapitalismus sein soll, ist die große Umarmung: Liebe eben.

Na gut, ein bisschen Brecht gibt's auch: Bert Neumann hat eine entsprechende Gardine vor die leere Bühne gehängt, auf der groß "Fatzer" steht, später zitiert Hinrichs aus dem gleichnamigen Fragment, noch später zieht er den Planwagen der Mutter Courage über die Drehbühne. Der Rest aber ist Beziehungsarbeit, eine wortreiche Abrechnung, die szenisch immer wieder konterkariert wird. Da kann Hinrichs noch so sehr darauf herumhacken, dass der Chor kein Kollektiv (gut), sondern nur ein Netzwerk (böse) ist - der Dauerflirt zwischen ihm und den Turnern straft ihn Lügen. Er beginnt, als sich Hinrichs und einige Akrobaten vom Bühnenhimmel abseilen zu Bruce Springsteens "Streets of Philadelphia", erlebt in den Verschmelzungsakten zwischen Solist und Chor ihre ersten Höhepunkte und findet ihr treffendstes Bild, als es plötzlich aus dem Bühnenhimmel zu regnen beginnt: Da lassen sich die Akrobaten durchs Wasser rutschen und spritzen damit herum und versammeln sich kuschelnd unterm Courage-Wagen. "Nein! Stop! Das ist jetzt zu schön", unterbricht Hinrichs die Szene. Klar: Kill your darlings.

Auch diesmal ist Polleschs Theater wieder Boulevard für Intellektuelle, aber wärmer, emotionaler als sonst. Natürlich gibt es wieder die absurden Reibungen zwischen Theorien und Camp, dem großen Ganzen und dem Individuum. Und es gibt die Glamourshow-Versatzstücke, Morrissey singt, Michael Jackson tanzt übergroß als Projektion, und wenn Hinrichs am Beispiel der Turner den Mehrwert von Kapitalismus und Sinn erklärt, dann orgeln die Scheinwerfer und dröhnt der Pop das schön anschaulich: Sporthalle ist wirklich was anderes.

Aber mit der Liebe kommt eben doch noch etwas anderes ins Spiel: Wenn Hinrichs einen kleinen Kettenbagger besteigt und davon redet, dass seine Arbeit ihn mehr befriedige "als mein großes Glück mit Dir" und dann zum langgezogenen Wort "Liebe" mit der Baggerschaufel spielt, als wolle er den Chor zu sich locken, dann verschmelzen da Wehmut und Tollheit zum herzzerreißenden Witz.

Mit bewundernswerter Ausdauer rennt Hinrichs über die Bühne, redet ununterbrochen, singt, lockt, flirtet. Als Sprachorgan seines Meisters lächelt er milde ins Publikum, ködert uns damit, eine Gemeinschaft bilden zu wollen, winkt uns gestenreich auf die Bühne, um schließlich zu gestehen: "Das war nicht für Euch. Es war immer für uns."


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