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30.07.2010

Rheinischer Merkur: Der Bagger rollt

RÜCKBAU - Mitte der Neunzigerjahre lebten 76.000 Menschen in Bitterfeld-Wolfen. Heute sind es noch 42.000. Und es werden immer weniger.

 

Birkenblätter wispern, still ruht der Goitzsche-See, dessen Ufer sich zwischen Hügeln und schier endlosem Wald verlieren. Beim Blick von der anderen Seite des Bitterfelder Bogens, einer kühnen Stahlkonstruktion auf dem Bitterfelder Berg, ragt aus der weitgehend erhaltenen Altstadt ein neogotischer Backsteinkirchturm, etwas weiter bgeinnt schon der Chemiepark – und über allem wölbt sich ein blauer Himmel. An besonders klaren Tagen soll man von hier bis nach Leipzig blicken können.

Vor 29 Jahren galt Bitterfeld als die schmutzigste Stadt Europas. Die Abgase der Chemiefabriken färbten die Luft grau und gelb. Der See? Aufgerissener Boden, ein Braunkohletagebau. Der Berg? Eine Abraumhalde. Und die Stadt? Eine Ansammlung von selbstständigen Orten, verbunden allein durch Industriegebiete und aneinanderstoßende Wohnblöcke. Heute gilt die Doppelstadt Bitterfeld-Wolfen als Modell. „Aus aller Welt kommen sie zu uns, sogar aus Tokio“, sagt Stefan Hermann mit einiger Begeisterung, zuständig für Stadtentwicklung und Bauwesen. „Da werden in den nächsten Jahren etwa 10 Prozent der Einwohner wegbrechen.“ Die Besucher aus dem Ausland wollen wissen, wie die Region damit umgeht, dass dort immer weniger Menschen leben.

Wo bis 1990 veraltete Technik Umweltkatastrophen provozierte, brummt heute emissionsarm der Chemiepark, wo einst für die Braunkohle ganze Landstriche vernichtet wurden, sorgt heute das Solar-Valley für ein sonniges Image. Obwohl sich die Wirtschaft für ostdeutsche Verhältnisse hervorragend entwickelt und die Arbeitsplatzzahlen steigen, schrumpft die Bevölkerung. Bereits kurz nach der Wende setzte der Bevölkerungs-Exodus ein, als die völlig marode Industrie zusammen brach und von den 66000 Arbeitsplätzen bis Mitte der 90er nur noch 5000 blieben.Von einstmals 76000 Menschen auf dem heutigen Stadtgebiet sind heute nur noch etwa 45000 übrig – Tendenz fallend. 2015 werden voraussichtlich nur noch 42 000 Menschen in der Stadt leben. Bis 2020 könnte ihre Zahl auf rund 39000 sinken. Dann werden in der Stadt fast 9000 Wohneinheiten leer stehen.

Deshalb muss Uwe Reinholz, Geschäftsführer der WBG und damit einer der beiden großen Wohnungsbaugesellschaften der Stadt, offen sagen: „Es wird auch weiterhin Abriss geben.“ Sein Unternehmen ist, anders als es der Name verspricht, in großem Maße für die Räumung zuständig. In Wolfen Nord, einem einst riesigen Plattenbauviertel mit besonders starker Abwanderung, wurden in den vergangenen Jahren ganze Straßenzüge abgerissen, andere so gelichtet, dass die verbleibenden, nun renovierten Blöcke Licht und Grünflächen bekamen. Von der endlosen Schlafstadt der Werktätigen ist nur noch ein Kern übrig, inmitten von Bäumen, Büschen und Wiesen.

„1990 gab es noch eine Warteliste für Wohnungen in den Plattenbauten“, sagt Reinholz, der selbst 15 Jahre lang in Wolfen-Nord gelebt hat. „Wenn man aus einer Wohnung mit Ofen hierher zog, da gab’s warmes Wasser aus der Wand und eine Heizung, die immer funktionierte – das darf man nicht vergessen“, erinnert er sich.

Reinholz ist ein Kind der Region, studierte Chemieanlagenbau, arbeitete 20 Jahre in der Filmfabrik: „1990 wurde mir rechtzeitig klar, dass die Filmfabrik keine Chance hat.“ Noch bevor die einstige Agfa-Anlage aufgelöst wurde, wechselte er den Beruf, privatisierte Wohnungen und wurde Mitte der 90er Geschäftsführer der Erneuerungsgesellschaft Wolfen-Nord. „Schon da zeichnete sich ab, dass wir schrumpfen müssen“, sagt er.

Schuld daran ist neben dem Wegbruch der Arbeitsplätze auch die demografische Entwicklung. In den 90ern verließen vor allem die Jungen, Leistungsstarken und „Reproduktionsfähigen“ die Region, wie es Reinholz ausdrückt: „Mein Sohn ist auch nach Baden-Würtemberg gezogen, der bleibt auch da, der kommt nicht wieder.“ Also werden immer weniger Kinder geboren. Reinholz merkt die Konsequenzen auch in seiner Firma: „Vor drei, vier Jahren kamen bei uns auf eine Stelle 30 Bewerbungen, davon 20 gute. Heute erhalten wir nur zwei.“ Den großen Unternehmen wie Bayer und Q-Cells geht es ähnlich – ein Trend, der die wirtschaftliche Entwicklung der Region gefährdet.

Bitterfeld-Wolfen, das es erst seit drei Jahren gibt, ist deshalb stärker zusammengerückt. Die Stadt hat eine Entwicklungsgesellschaft darauf angesetzt, von den über 50 Prozent Pendlern, die täglich aus Berlin, Leipzig und anderen Regionen hierher zur Arbeit fahren, 10 bis 20 Prozent zum Bleiben zu bewegen. Keine einfache Aufgabe. Denn weg ist man aus Bitterfeld-Wolfen schnell: Hier kreuzen sich die Bahnlinien Berlin-Halle und Magdeburg-Leipzig. Die Autobahn A9 tangiert die Stadt. Ab 2013 wird sie ans mitteldeutsche S-Bahn-Netz mit 20-Minutentakt angebunden. Stadtbusse und Unternehmens-Shuttles bringen die Pendler bis vor die Büro- und Labor-Türen.

Deshalb versucht  Bitterfeld-Wolfen, mit Lebensqualität punkten: „Ein Manager hat mir mal erzählt, das er bei der Suche nach einem neuen Standort immer seine Frau vorschickt. Und die schaut auf die Stadt: Wie steht es um die Kinderbetreuung, um Schulen, gibt es Kultur, kann man dort einkaufen?“, sagt Hermann, der Stadtplaner. „Die so genannten freiwilligen Aufgaben der Kommunen sind keine – sie sind überlebensnotwenig.“

Also investiert Bitterfeld-Wolfen – auch dank Förderhöchstquoten. In den Nordpark in Wolfen, „der längste Spielplatz der Welt“ mit Grafitiwand, Wasserspielen und Scaterpark. Also wertet die Stadt seine zentrumsnahen Wohngebiete aus den 30er Jahren auf, schafft in Zusammenarbeit mit den zwei Wohnungsbaugesellschaften größere Wohneinheiten mit Balkonen und Aufzügen und mit gezielten Abrissen kleine Stadtteilparks. Also wird die Achse Altstadt Bitterfeld – Goitzsche-See entwickelt – ein Projekt auch der Internationalen Bauausstellung Stadtumbau 2010 und „eine unserer dringlichsten Aufgaben“, wie Hermann sagt. Denn während am neuen See mit seinen aufwändig gestalteten Uferpromenaden, dem Stadthafen und mehreren Badestränden der Tourismus sprunghaft zunimmt und in den letzten Jahren 4000 Arbeitsplätze geschaffen hat, bleibt die historische Bitterfelder Altstadt davon unberührt.

Zwar ist der Marktplatz hervorragend gepflastert, auch das historische Rathaus und die evangelische Stadtkirche verströmen idyllischen Charme. Aber schon wenige Schritte weiter bröckeln die Fassaden in der Fußgängerzone voller Billigläden, gähnt eine beparkte Brache auf dem Areal des Schweinemarkts – kein historischer Name, sondern ein treffender aus dem Volksmund.

Das eigentliche Zentrum der Doppelstadt ist ohnehin der Chemiepark. Will man von Bitterfeld nach Wolfen und umgekehrt, führt kein Weg daran vorbei. Oft fühlt man sich bei der Rundfahrt wie in den USA: endlose Straßen, viele Frei- und Grünflächen, fließende Übergänge von Wohn- in Industriegebiete.

Im Chemiepark und auf dem Gelände der ehemaligen Filmfabrik aber liegt auch ein Grund für ein weiteres Problem der Gemeinde: die fehlende Identifikation. Die wenigsten Bitterfelder und Wolfener sind hier geboren, zogen wegen der Wirtschaft her. Dem versucht die Stadt mit der Förderung von Kleinstrukturen zu begegnen: So bekommen die Ortschaftsräte Kopfpauschalen, um sie in Brauchtumspflege und lokale Kulturprojekte zu investieren.

In Anspielung auf ihr neues Wahrzeichen, den Bitterfelder Bogen, behauptet die Stadt: „Wir haben den Bogen raus“. Ob dem wirklich so ist, ob die neuen Wiesen und Auen, Seen und Hügel, die Spielplätze, Stadtparks und komfortablen Wohnungen verbunden mit neuen Jobs den Bevölkerungsschwund zumindest stark verlangsamen können, wird sich erst in zehn bis zwanzig Jahren zeigen. Optimismus ist in Bitterfeld aber erste Bürgerpflicht: „2030 wird Bitterfeld-Wolfen eine schlankere, wirtschaftstarke, lebenswerte Industriestadt am See sein“, sagt Reinholz. Dann muss er wieder zurück an den Schreibtisch, den nächsten Abriss planen.


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