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22.01.2012

Berliner Morgenpost: Lebensgier eines einsamen Wolfes

"Das ist alles nur Theater", schleudert Hugo von der Rampe ins Parkett, schon tief verstrickt in seine Glaubenszweifel, während Bachs "Air" satt die Klangspur seift: "Ich bin der tragische Held!" Was natürlich ein fundamentales Missverständnis ist.

Schon bei Jean-Paul Sartre verschätzt er sich damit, in dessen "Die schmutzigen Hände", uraufgeführt 1948. Da erhält das zum Kommunismus konvertierte Großbürgertumssöhnchen Hugo während des Zweiten Weltkriegs den Auftrag der Partei, ihren Chef Hoederer zu töten. Doch nachdem er sich als Privatsekretär einschleusen lässt, beginnt er, Hoederer zu bewundern, zögert den Mord immer weiter hinaus und knallt ihn nur deshalb ab, weil er ihn in flagranti mit seiner Frau Jessica erwischt. Nach seiner Haftstrafe erfährt er, dass sein Mord sinnlos war: Die Partei ist längst auf Hoederers Kurs umgeschwenkt.

Jette Steckel beschleunigt diese etwas geschwätzige gemischte Diskursschlachteplatte mit Moral in sieben Akten in zweieinhalb pausenlosen Stunden zur großen Show im Hollywood-Format. Sie nimmt den Theater-Faden, den schon Sartre eingewoben hat, auf und spinnt ihn fort: Alles zwischen den tristen Dialogen der Rahmenhandlung ist Auftritt, Kulisse, Pose. Eifrig rotieren auf Florian Lösches (Dreh-)Bühne vier betongraue Wandkreuze, zwischen denen Hugo zuweilen herumtänzelt wie Charly Chaplin im Räderwerk der "Modern Times". Dann wieder fügen sie sich wundersam zu Wänden und Räumen, karg, steril, von Neonröhren kalt ausgeleuchtet.

Aber auch sie atmen Witz, wenn Hugos Frau Jessica, nicht in der Partei, sondern bourgeoise Spielerin, der jeder Ort zur Bühne wird, ihre vielen Koffer öffnet und Fuchsstola, Pelz und Hose an der Wand kleben bleiben. Auf hohen Absätzen stöckelt sie durch die elegante Tristesse, wechselt in den Pingpong-Dialogen mit Hugo immerfort die Rollen. Wie Ole Lagerpusch und Katharina Marie Schubert einander umkreisen wie drollige Welpen, ist ein Ereignis. Sie die schnutige Dame mit Görenherz, er nervös zuckendes Kindergesicht über Hemdkragen und roten Hosen. Er zappelt, zieht Grimassen, schaut ungläubig, schmollt. Eine Witzfigur, weil er nicht mehr spielen, sondern endlich ernst werden will und sich dabei lächerlich macht. Denn an Hoederer prallt er ab: Nur wenige Schauspieler schwitzen so kühl Einsamkeit aus wie Ulrich Matthes, der hier noch viriler, zergrübelter, zugleich angriffslustiger wirkt als sonst. Sein Hoederer ist ein einsamer Wolf, der seine Sehnsucht hinter kumpelnder Nonchalance versteckt, sei's in Jogginghosen, sei's im eleganten Anzug. Aber seine Augen tasten mit unterdrückter Gier das junge Leben ab, als könnten sie's trinken.

Zwischen Hoederer und Hugo, die sich früh im Kuss vereinen, knistert es mehr als zwischen Hoederer und Jessica. Aber sie zieht die Fäden. So hat Steckel den Text nicht nur um etliche Macho-Phrasen erleichtert, sondern auch die entscheidende Achse leicht verschoben. Denn die parteilose Spielerin Jessica, die nur für ihren Mann Partei ergreift, erkennt, dass in einer Situation wie dieser nur das Spiel ein Überleben garantiert. Steckel inszeniert sie als Chamäleon zwischen Schulmädchen und kokettem Dämchen, lässt sie mit Cocktailkleid an der Klagemauer flanieren und Hoederers Leibwächter (Bernd Moss und Moritz Grove als raubeinige Gesellen) um den Finger wickeln. Mit Taschenspielertricks verbirgt sie Hugos Waffe, mit Engelszungen bewegt sie ihn zur Aussprache mit Hoederer, mit ihrem Spott behält sie recht: "Und man muss die Leute umbringen, die nicht dieselben Gedanken haben wie wir?"

"Ist es richtig, das zu wollen, was ich will?", fragt Hugo einmal. Auf diese Zweifel läuft es auch bei Steckel hinaus. Wie sie das inszeniert, zeigt eine Regisseurin, die versiert die Sprechorgien immer wieder mit musikalischem Pathos zu großen Gemälden pinselt: Hoederers Auftritte atmen coolen Jazz, "Stabat mater"-Duette künden schon früh vom Mord, zum flippigen Rap-Sound ballert Hugo dann eine coole Rache-Show hin.

Die Moral von der Geschicht' liefert Steckel Grau in Grau: Freudlos heben sich die Rahmenszenen am vorderen Bühnenrand vom Hauptgeschehen ab, zusammengeschnurrt auf das Notwendigste. Maren Eggerts Genossin Olga ist nur noch Diskussion, trotz Versöhnungskuss, Hugo erklärt sich als "nicht verwendungsfähig" und legt sich selbst um. Der Eiserne fällt.


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