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05.10.2009

Der Freitag: Wie wäre es, ein Mann zu sein?

In den Münchener Kammerspielen inszeniert Lola Arias das Stück "Familienbande". Das Leben einer Patchwork-Familie scheint harmonisch. Doch der Vater ist verunsichert

Schauspielerfamilien spielen Theater? Hat’s alles schon gegeben. Aber dass sie sich dabei selbst verkörpern auf der schmalen Dokumentartheatergrenze zwischen Realität und Fiktion, mit Kind und Kegel, ist neu. Lola Arias, Shootingstar der argentinischen Theaterszene, erzählt im Werkraum der Münchner Kammerspiele von den Ensemblemitgliedern Katja Bürkle und Silja Bächli und deren Familienbande. Bürkles Tochter Lena erklärt am Puppenhaus: „Meine Mutter verliebt sich in meinen Vater. Ich werde geboren. Meine Eltern trennen sich, mein Vater zieht aus und meine Mutter verliebt sich in eine Frau. Diese Frau wird meine zweite Mutter. Meine Mutter und meine Mutter wünschen sich ein zweites Baby, also fragen sie meinen Vater, ob er ihnen helfen kann. Mein Vater sagt ja. Es kommt ein Baby zur Welt, mein Bruder Moses, der Sohn von meinem Vater und meiner zweiten Mutter. Das ist meine Familie. Vater, Mutter, Mutter, mein Bruder und ich.“

In Familienbande erzählt Arias nun in eineinhalb Stunden einen All-Tag im Leben der Patchwork-Familie: Der Wecker klingelt, Zähneputzen, Frühstück. Lena geht zur Schule, kommt wieder, Vater Florian rollt mit dem Motorrad an und dreht mit Lena eine Runde. Wenn die Kinder im Bett sind, trinken die Frauen im Garten ein Glas Wein.

Im raffiniert gerafften Tagesablauf werden Grundsatzfragen angerissen von Mutter- und Partnerschaft oder auch: Wie es wäre, ein Mann zu sein? Leichtfüßig wird so der Geschlechterdiskurs aufgegriffen, der ohnehin präsent ist, wenn es um Regenbogen-Familien geht. Leise Fragen, nicht minder dringlich: Was ist Identität? Lebenssinn? Normalität?

So grundsympathisch ist das, dass einem der Abend schon wieder fragwürdig vorkommen mag: Warum diese Wohlfühl-Geschichte? Aber so einfach ist die Sache nicht. Wie auf einer Seitenbühne, in den Kulissen fühlt sich Vater Florian in dieser Familie und weiß nicht, wie sehr er Moses an sich binden darf, der doch zuerst den beiden Müttern gehört. Fünf Jahre haben sich die beiden Frauen erfolglos um ein zweites Kind bemüht, weil in Deutschland die Reproduktionsmedizin heterosexuellen Paaren vorbehalten ist. Siljas Eltern ignorieren die Familie noch immer.

Das Verfahren von Gruppen wie Rimini Protokoll (mit denen Arias vor zwei Jahren Soko Sao Paulo in München inszenierte), Menschen als Experten des Alltags ihre eigenen, dramaturgisch zugeschnittenen Geschichten erzählen zu lassen, entspricht Dominic Hubers Bühne, die das Private zugleich verbirgt und offenlegt: Hinter der weißen Wand befinden sich die nachgebauten Räume des Familien-Hauses, dessen Geschehen nach draußen übertragen wird. Was dazu führen kann, dass sich ein Dialog entspinnt zwischen einer der beiden Mütter auf dem Rollrasen vorm Publikum (wohin sich die Handlung zunehmend verlagert) und der anderen vorm Badspiegel, auf die Hauswand projiziert.

Es verblüfft weniger diese Technik als der Einbruch der realen in die künstliche Wirklichkeit: Wenn Baby Moses seine saure Gurke erst der einen und dann der anderen Mutter in den Mund steckt, erzählt die ungeplante Geste mehr über die Normalität der Familie als jede wissenschaftlich abgesicherte These.


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