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27.06.2008

Der Freitag: Klaus Michael Grüber

Klaus Michael Grüber (1941-2008)

Nacht, Scheinwerfer, 900 winzige Zuschauer im 76.000 Menschen fassenden Rund des Berliner Olympiastadions. An der Anzeigetafel leuchten Hölderlins Sätze über die Deutschen auf: "Überall werd´ es anders!" Unten im Oval Hyperion, Wanderer zwischen Antike und Heute, der allein über das leere Spielfeld irrt, über Hürden springt. Währenddessen treffen sich Trinker und Dichter (der Übergang freilich ist fließend) am Fußballtor neben dem Nachbau der Ruine des Anhalter Bahnhofs: Endstation Sehnsucht.

Der Deutsche Herbst war gerade erst vorbei, da schickte Klaus Michael Grüber am 1.12.1977 seine Winterreise hinterher: kein politischer Tageskommentar, sondern ein deutscher Abgesang in eisiger Kälte. Grübers Lust, sein Publikum herauszufordern (Freilichtdenksport bei Minusgraden) und seine überragende Kunst, Distanz und Anteilnahme zugleich schaffen zu können, erreichten einen Höhepunkt, der allein schon reichen würde für einen Platz in der Theatergeschichte.

Wie Racines Bérénice: Als erster Deutscher inszenierte Grüber 1984 an der Pariser Comédie Francaise. Ein Triumph. "Jetzt weiß ich, dass man in Alexandrinern weinen kann", resümierte er. Eine Sensation bereits seine erste französische Inszenierung: Faust-Salpêtrière, den er 1975 in der bekanntesten psychiatrischen Anstalt des 19. Jahrhunderts inszenierte. Faust als von innerer Unruhe getriebener Mensch, als ewiger Wanderer - den hier begonnenen Bogen führte Grüber in seinem Faust-Konzentrat an der Berliner Freien Volksbühne 1982 fort, eine düster-poetische Vision mit dem alten Bernhard Minetti.

Begonnen hatte der 1941 in Neckarelz Geborene nach dem Schauspielstudium in Stuttgart als Hospitant, Assistent und Mitarbeiter von Giorgio Strehler, an dessen legendärem Piccolo Teatro in Mailand. Kurt Hübner holte ihn 1969 ans Furore machende Bremer Theater, wo er auf die längst mit den Hufen scharrende Schaubühnen-Generation traf: Peter Stein, Jutta Lampe, Bruno Ganz, Otto Sander. Gleich Grübers erste Inszenierung geriet zum Wurf: Shakespeares Sturm im Bühnenbild von Wilfried Minks. In den siebziger Jahren kam er als Dauergast an Steins Berliner Schaubühne. Als sanfter Radikaler war er der poetische Antipode Peter Steins, einer, der bei den Zuschauern "Ergriffenheit und Hingabe" erreichen wollte. Das Theater am Halleschen Ufer war zu klein für seine Visionen, also zog Grüber aus - nicht um des Events willen, sondern weil er die szenische Wahrhaftigkeit im Olympiastadion (Winterreise), den Messehallen (Die Bakchen, 1974), im Hotel Esplanade am Potsdamer Platz (Rudi, 1979) suchte.

Seine Bakchen, als zweiter Abend des insgesamt achtstündigen Antikenprojekts nach Peter Steins Übungen für Schauspieler, sind zugleich archaisch und poetisch, sinnlich und ironisch. Rituale voller Blut, Lehm und Matsch für einen Dionysos mit Riesengeschlecht, bis die Saubermänner des Pentheus die Bühne kehren. Der verfällt dem Gott der Lust; das Schaudern über das eigene Begehren ruft nach dem Reglement aller thebanischen Libertinage. Ein Modell der Antiken-Wiederbelebung, an dem sich folgende Regisseure bis heute abarbeiten und messen lassen müssen. Weit weniger sinnlich Grübers letzte große Auseinandersetzung mit der Antike: Ödipus auf Kolonos in Peter Handkes Übersetzung, 2003 an der Wiener Burg, ist noch immer ein Wurf, ein Brocken, aber einer, an dem man sich nicht nur am Entschlüsseln der archaischen Setzungen, sondern auch aus Langeweile die Zähne ausbeißt.

Schließlich die Oper, eine Verbindung, 1971 mit Bergs Wozzeck begonnen, die seit den neunziger Jahren ins Zentrum seiner Arbeit tritt. Wie bei Stein scheint die Hinwendung zum formal festgelegten Musiktheater eine Flucht gewesen zu sein vor jenem "Regietheater", das beide wesentlich mitgeprägt haben. "Heutzutage lernt man nichts mehr, man erfindet nur noch", benannte Grüber einmal seine Skepsis. "Noch heute bin ich davon überzeugt, dass das Theater zu 95 Prozent aus Gesetzen besteht, die man erlernen, wissen muss. Wenn man diese Gesetze bricht, brechen will, manchmal brechen muss, ist es notwendig, sie zu kennen."

Schon die Meldung der vergangenen Woche, Klaus Michael Grüber habe die Regie seiner Salzburger Inszenierung von Salvatore Sciarrinos Luci Mie Traditrici krankheitsbedingt niederlegen müssen, verhieß nichts Gutes. In der Nacht zum Montag ist der epochemachende Bühnenver- und -enträtseler nach langer Krankheit auf der bretonischen Insel Belle-Ile-en-Mer im Alter von 67 Jahren gestorben.


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