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02.12.2010

Nürnberger Nachrichten: Die Großwirtin von Sankt Wolfgang

Bevor er sich für den neuen Bayreuther "Tannhäuser" warm macht, inszenierte Sebastian Baumgarten mit Ralph Benatzkys "Weißem Rössl" an der Komischen Oper Berlin seine erste Operette.

Spätestens, wenn sich die Bühne bei der Reprise von „Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden“ mit zombiehaft umherschleichenden Gästen füllt, die sich bei fahler Beleuchtung auf den ohnehin schon seelisch zerrütteten Zahlkellner Leopold stürzen, um dabei gellend den „Zauber der Saison“ zu beschwören, weiß man, warum man sich beim Namen des Regisseurs nicht verlesen hat. Denn Sebastian Baumgarten, der nun den alten Bühnen-Hit „Im Weißen Rößl“ von Ralph Benatzky inszenierte, gilt als Mann des Hackebeil-Regietheaters. Mit Erfolg: Für seine Interpretation von Händels „Orest“ an der Komischen Oper wurde er 2006 zum Regisseur des Jahres gewählt.

Doch nun? Auf der Bühne der Komischen Oper steht eine schokoladenbraune Almhütte mit aufklappbaren Wänden, der Orchestergraben liegt im Swimmingpool, und zwei Projektionsflächen beschwören mit animierten Postkarten die Filmidylle der 50er Jahre. In blauen Windjacken und Bügelfaltenhosen stürmen die Touristen Sankt Wolfgang, wo die Rößlwirtin im Dirndl über ihre befrackten Kellner herrscht.

Und am Ende von Leopold beherrscht wird. Denn nachdem er gute drei Stunden lang um seine Chefin geworben, sich vorm Kaiser Irm Hermanns blamiert und dabei alle möglichen Intrigen in Gang gesetzt hat, sind seine Phrasen à la „Ein Kellner ist auch nur ein Mensch“ vergessen: Jetzt wird nach unten getreten.

Bei seiner Exkursion ins touristische Geflecht aus Macht, Geld und Erotik stützt sich Baumgarten auf eine entkitschte und ironiesatte Rekonstruktion der Urfassung: Im Graben wechselt das Orchester unter Musical-Spezialist Koen Schoots fliegend zwischen Walzer, Marsch und Jazz, von den Balkonen zirpen Heurigen-Geige und Zither, auf der Bühne improvisiert ein Pianist vor sich hin. Auch die Texte, die im zweiten Teil etwas ausufern, besitzen oft bissige Schärfe.

Vor allem kann sich Baumgarten auf seine Schauspieler-Riege und etliche Hauskräfte verlassen. Max Hopp sprintet als Zahlkellner Leopold mit einer verzweifelten Energie über die Bühne, schillert zwischen echter Verzweiflung, Kapitalismus-Kritik und intriganter Strippenzieherei. Sein rauer, aber ehrlicher Tenor trägt auch die pathosgeladenen Schlagobers-Melodien. Zum Traumpaar verschmilzt er mit Dagmar Manzel, die ihre Operettenerfolgspartien zwischen der „Großherzogin von Gerolstein“ und „Kiss me, Kate“ bis zur Rößlwirtin Josepha Vogelhuber verlängert: Vom Fauchen bis zum liebliches Flöten zieht sie alle Register und trällert ihre Nummern mit einer Leichtigkeit, als hätte sie nie etwas anderes gelernt.

Was man von Kathrin Angerer, wie Hopp einst ein Star an der Berliner Volksbühne Frank Castorfs, nicht behaupten kann: Vokal ist bei ihr nichts zu holen. Wie sie aber ihre Ottilie, die mit Christoph Späths eitlem Rechtsanwalt Siedler bei der rhythmischen Sportgymnastik anbandelt, nörgeln und nölen lässt, ist ebenso herrlich wie Dieter Montags berlinernd meckernder Fabrikant Giesecke. Dazwischen überschwemmt der Chor mit teils witzigen, teils etwas einfallslosen Choreografien die Bühne. Was dem Spaß an dieser angerauten, ironischen und doch immer wieder herrlich trivialen „Rößl“-Fassung keinen Abbruch tut: Nach „Kiss me, Kate“ hat die Komische Oper damit einen weiteren Dauerbrenner.


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