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01.06.2010

Nürnberger Nachrichten: Ein Flüchtlingscamp in der Deutschen Oper

Wie viel Realität verträgt die Oper? In Berlin haben zwei aktuelle Premieren das Problem höchst unterschiedlich gelöst — und punkten vor allem mit Stars.

Am Ende brach der Buhsturm los wie jener Orkan, den Giuseppe Verdi zu Beginn seiner vorletzten Oper „Otello“ anzettelt. Warum? Kirsten Harms, eher glücklos agierende Intendantin der Deutschen Oper Berlin, hatte Schauspielregisseur Andreas Kriegenburg eingeladen, „Otello“ zu inszenieren, 17 Jahre nach seiner Auseinandersetzung mit der Shakespearevorlage an der Berliner Volksbühne. Also rüstete sich das konservative Charlottenburger Publikum, Schreckliches zu erleben. Die Negativ-Sensation blieb aus. Aber der Frust aufs Regietheater muss ja trotzdem irgendwie raus – trotz Anwesenheit der Kanzlerin, die freundlich applaudierte.

Kriegenburgs Konzept, die Handlung in einem Flüchtlingscamp auf Zypern spielen zu lassen, beeindruckt und erdrückt durch Harald Thors Bühnenbild: Bis hoch in den Schnürboden stapeln sich die Lagerbetten, in denen die die Menschen Kartenhäuser bauen, Zeitung lesen, essen, schlafen, sich lieben, lausen und hassen. Dieses wimmelnde Perpetuum mobile lenkt schon mal von der Haupthandlung ab, spiegelt aber in seinen Einzelschicksalen auch das der Protagonisten im brodelnden Bühnenkessel wider. Während sich im Hintergrund Wut und Verzweiflung derer sammelt, die auf einen Ausweg aus dem Krieg um die Festung Europa warten (was sich in äußerst beeindruckenden Chor-Ausbrüchen entlädt), frisst sich vorne Otello mit Eifersucht voll.

In der subtilen Figurenführung liegt die eigentliche (und vom Buh-Sturm übersehene) Stärke von Kriegenburgs Regie: Wie Jago (kraftvoll, aber nicht eben dämonisch: Zeljko Lucic) den Chor aufpeitscht zum Komplott gegen Cassio und den Kindern als böser Märchenonkel vom grausamen Gott erzählt, hat perfide Schärfe. Noch stärker gelingt Kriegenburg der Kontrast zwischen der kurzen Episode, als sich Otello und Desdemona gegenseitig die Schläfen mit dem später als Indiz missbrauchten Taschentuch abtupfen, und dem Mordakt, in dem Otello seine Frau mit diesem Taschentuch ans Bett fesselt und erwürgt. Mit welchen kleinen, unpathetischen, zärtlichen Gesten Anja Harteros und José Curas ihre unglaubliche Stimmkultur beglaubigen, ihren leisen Jubel, ihre herausgebrüllte Verzweiflung! Ein Höhepunkt: Harteros „Lied von der Weide“, als ihr Schmerz nur in der Stimme und im Gesicht ihrer Vertrauten Emilia widerhallt. Dafür orgelten dann die Bravo-Rufe mit ähnlicher Kraft wie später die Unmutsbekundungen. Freundlicher Applaus auch für Patrick Summers, der kurzfristig für den sensiblen Verdi-Spezialisten Paolo Carignani einsprang und sich mit deutlichen Akzenten und sauberer Koordination aus der Affäre zog.

Da hatte es Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, leichter, als er zur örtlichen Konkurrenz an die Staatsoper wechselte und dort Emmanuel Chabriers zwischen komischer Oper und Operette schillernder „L’Étoile“ von 1877 ausgegrub. Wohl auch wegen seiner Gattin, der wunderbaren Mezzospranistin Magdalena Kozená,  die auf der Suche nach geeigneten Partien auf die Hosenrolle des Lazuli stieß. Anfangs fremdelt sie noch etwas mit den extremen Randlagen der Partie. Aber als jungenhafter Lover, der die Welt König Oufs I. auf den Kopf stellt, überzeugt sie doch mit ihrer so verführerisch moussierenden Mittellage und Spielwitz. Gerade als Ouf ihn pfählen lassen will (ein jährliches, vom zensierten Volk bejubeltes Ritual), stellt der Hofastronom fest, dass beider Leben miteinander verknüpft sind. Herrlich dämliche Verwirrungen folgen, die es in sich haben.

Nicht nur wegen der Musik: Emmanuel Chabrier komponierte süffige Melodien in bester Offenbach- und Belcanto-Tradition, die der Wagner-Fan leitmotivisch unterfütterte und differenziert instrumentierte. Auch die Pointen um einen absolutistischen Herrscher, dessen absehbaren Tod das Volk nicht bedauern will. Sie aber werden von Regisseur Dale Duesing verschenkt, der den Spaß ohne tiefere Bedeutung in der luftleeren Künstlichkeit eines Hotels der späten 20er Jahre serviert. Immerhin gibt zwischen Fahrstuhl und geschwungener Treppe, Foyer und Separé eine von Kozená angeführte Starsängerriege dem Komödienaffen Zucker: Juanita Lascarro lässt als Prinzessin Laoula lässig die Spitzenöne glitzern, Stella Doufexis verführt als Aloès mit ihrem gurrend-kraftvollen Mezzo und Jean-Paul Fouchécourt wieselt mit leichtem Tenor und chaplineskem Körperwitz über die Bühne.

Simon Rattle lässt zwar mit der Staatskapelle die Champagnerkorken knallen, weist aber an manchen Stellen zu sehr darauf hin, dass es sich um ernstzunehmende Musik handelt. Am Ende sind sich im Jubel alle einig – hat ja auch nicht wehgetan.


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