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24.06.2005

Der Freitag: Erzähl mir Liebe

Eine Anthologie mit deutsch-deutschen Liebesgeschichten

Auch die Liebe ist nicht mehr das, was sie einmal war. Früher, als die entbrannten Herzen noch Tristan und Isolde oder Ferdinand und Luise hießen, dauerte sie zwar nicht lange, hielt aber bis zum Tod. Heute gleichen die Beziehungen Zeitarbeitsstellen. Wie der Arbeitnehmer vom Chef sind die Liebenden von ihren Partnern abhängig und werden früher oder später vor die Tür gesetzt. So zumindest scheinen es die 14 Autorinnen und Autoren zu sehen, die Herausgeberin Margit Knapp in der Anthologie Wieder vereinigt versammelt hat. Neue deutsche Liebesgeschichten wollen sie erzählen.

Die Resultate lesen sich eher wie aktuelle Beiträge zum Geschlechterkampf: Frauen sind schwache, zerbrechliche Wesen. Männer auch. Während die Autorinnen ihren Protagonistinnen zumeist starke Männer gegenüberstellen, rätselhafte, auch unerbittliche Wesen, konfrontieren die Autoren ihre Helden mit nicht minder enigmatischen, selbstbewussten, überlegenen Frauen. Das eigene Geschlecht ist der Loser, das andere der unverstandene Widerpart.

Oft ist es gerade die Makellosigkeit der Sprache und des Aufbaus, die in seltsamen Kontrast steht zur Eindimensionalität der erzählten Geschichten. In Doris Dörries Beitrag Oben rechts die Sonne wird die Ich-Erzählerin, eine Studentin mit bemerkenswertem Busen, zur Geliebten eines verheirateten Mannes, bis dieser das Interesse an ihr verliert und zu seiner Frau zurückkehrt. Eine gekonnt gebaute, leicht konsumierbare Geschichte, charmant dank der egoistisch-jugendlichen Nonchalance der Protagonistin. Man unterhält sich auf gehobenem Niveau. Und doch bleibt das schale Gefühl zurück, dass hier zu schulmeisterlich alle Fäden miteinander verknüpft und alle Anspielungen eingelöst werden.

Viele der Texte sind von einer sommerlichen Leichtigkeit, die allzu oft in Unverbindlichkeit umschlägt. Sie halten zentrale Informationen zurück, hinterlassen aber keine existenziellen Fragen, sondern allenfalls eine leichte Verwunderung, die mit der nächsten Geschichte bereits verflogen ist. Wie Julia Francks Text Maries Schuhe, in dem bis zuletzt ungeklärt bleibt, auf was sich der zentrale Satz der Protagonistin "Es ist mein letzter Sommer" bezieht, der zugleich der Auslöser für die einseitige amour fou des Schusters wird. Oder wie in Yorck Kronenbergs Kurzgeschichte Gegenlicht, in der nichts die suizidale Stimmung der Frau erklärt und auch die Beziehung des Paares nur in einer Binnenerzählung angedeutet wird.

Es ist die Sinfonie der Großstadt, die den Rhythmus für viele der Erzählungen liefert. Zuweilen wird es auch international, wie in Thomas Langs Las Vegas-Geschichte Sex-Monster oder wie bei Uwe Timm, der seinen Erzähler und die Protagonistin in der Rahmenhandlung zwischen New York und Frankfurt pendeln lässt. Und wenn die Protagonisten sich, wie in Carsten Probsts Die Ferne, aufs Land zurückziehen, nehmen sie ihre städtischen Beziehungsprobleme mit. Das alte Haus und die winterlich-karge Landschaft der Provence sind Sinnbild der Beziehung von Angela und Simon, kein locus amoenus, sondern Ort der Sehnsucht und des Abschieds. Der romantische Topos spiegelt sich im gediegenen Erzählstil. Inhaltlich hingegen ist der Text ganz heutig: einzige Erkenntnis ist der Liebesverlust.

Andere verzichten ganz auf eigene Einsichten. Sommer von Wolfgang Hermann ist die groteske Coming-of-Age-Geschichte eines jungen Toren, der auszieht, um sich von seiner übermächtigen Mutter zu befreien - und prompt in den Armen einer dreißig Jahre älteren Frau landet. Man kennt das. Doch durch die geschickte Wahl der Szene - Hermann schildert lediglich die Verführung des jungen Mannes - und die eingeflochtenen Rückblenden wird der Text zu einem erotisch-witzigen Erzählstück, ohne mehr zu wollen.

Neben Texten wie diesen wird selbst die Erzählkunst Judith Hermanns groß, die hier mit bereits Bekanntem (Camera obscura aus Sommerhaus, später) vertreten ist. Marie spielt mit dem hässlichen Künstler und seinen Gefühlen, bis sie einsehen muss, dass er derjenige ist, der die Fäden in Händen hält. Hermann demontiert Maries Charkter, ohne ihn vorzuführen. Sie greift den coolen Berlin-Mitte-Groove auf und verändert seinen Rhythmus so, dass er die Charakterlosigkeit Maries offenbart. Großartig beängstigend ist es schließlich, wie die mediale Verfremdung, das Auge des Großen Bruders die Situation kippen lässt. Die Sehnsucht nacht Ruhm, Macht, vielleicht auch Geld macht Marie zum Opfer ihrer selbst.

Auffallend ist, dass neben diesem nur ein weiterer Text auf den Zusammenhang von Ökonomie und Beziehung eingeht. In der etwas undurchsichtigen Geschichte Berlin Bolero von Ingo Schulze trifft ostdeutsche Do-It-Yourself-Mentalität auf die westdeutsche Konsumgesellschaft: Robert will die selbst ausgebaute Wohnung um keinen Preis aufgegeben, während Doro nicht begreifen kann, dass ihm der Kampf darum mehr bedeutet als Ruhe und Wohlstand. Der Konflikt des ungleichen Paares ist subtil inszeniert und endet unversehens in einem Mord - ein ironisch-finsterer Kommentar zur Wiedervereinigung.

Doch mit derartiger Düsternis hält sich die Anthologie nicht lange auf. Beschwingt geht es weiter mit den Trennungen und dem Zusammenfinden in sommerlicher Leichtigkeit. Und so verlässt man dieses Strandleseerlebnis, wie man es betreten hat - durchschnittlich unterhalten auf gehobenem Niveau.


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