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07.04.2006

Der Freitag: Reiz der Fiktion

Kevin Vennemans Roman "Nahe Jedenew"

Was tun, wenn man tagelang in einem Baumhaus ausharrt, in der Hoffnung, von den marodierenden Bauern und Soldaten nicht gefunden zu werden? Wenn man keinen Laut von sich geben darf und dennoch Schreien möchte vor Wut und Trauer? Wenn die Realität unerträglich und aussichtslos ist?

Der Roman Nahe Jedenew von Kevin Vennemann beginnt mit dem Satz: "Wir atmen nicht." Zwei Schwestern, Anna und die Erzählerin, flüchten vor einem Pogrom. Im Baumhaus ihrer Kindheit versuchen sie, sich zu verstecken. Sie haben miterlebt, wie ihre Schwägerin und ihre Nichte ermordet wurden. Auch der Bruder ist tot, der Vater verschollen. Da die Gegenwart ein einziges unerträgliches Schockerlebnis geworden ist, ziehen sich die Mädchen in sich selbst zurück, in ihre Erinnerung, ihre Geschichten. Ein verzweifelter Schöpfungsprozess beginnt: "Wir denken uns Geschichten aus, alles was bei uns nahe Jedenew passiert, ist eine Geschichte, und wenn nichts passiert, denken wir uns etwas aus."

Sie versuchen, sich in einer halbfiktiven Vergangenheit, einem Sehnsuchts- und Kindheitsort nahe dem Dorf Jedenew, in einer Normalität einzurichten, in der die kleinen Dinge für Glück und Schmerz verantwortlich sind. Das gelingt nur für Momente. Immer wieder werden die Mädchen in die Gegenwart zurückgeholt: "Sie wacht auf von dem schweren Motorengeräusch des vorfahrenden Fahrzeugs. Sie erhebt sich, und wir sehen vom Baumhaus aus zu, wie die Soldaten beginnen, das wenige, was von Wasznars brennendem Hof übrig bleibt, zu löschen, vermutlich, damit das Feuer nicht auf den Wald übergreift und nicht auf unser Haus, das sie noch brauchen, Anna sagt: Wieviel sich verändern kann in nur wenigen Augenblicken." Und schon sind die beiden wieder in der Vergangenheit, als "unser Holzsteg noch unser Holzsteg ist und unser Haus noch unser Haus".

Aus dieser wiederholten Flucht in eine Gedankenwelt ergibt sich die faszinierende Struktur des Romans. Periodisch werden Begebenheiten der Vergangenheit zitiert, geradezu beschwörend kreisen die Protagonistinnen um zentrale Ereignisse, entfaltet sich ein musikalisch-rhythmischer Reigen von Thema und Variation. Vennemann nutzt diese Matrix, um auf sprachlich beeindruckendem Niveau zu verstören. Dissonant bricht immer wieder die Gegenwart in das Erzählen und wiederholt den Schock in neuen Unsäglichkeiten. Das synergetische Aufeinandertreffen von scheinbar völlig unterschiedlichen und zeitlich getrennten Ereignissen im gemeinsamen Präsens und an denselben Orten markiert den grundlegenden Bruch, den die antisemitischen Ausschreitungen darstellen. Plätze wie der Steg oder das Baumhaus, die eben noch Spielraum waren, sind plötzlich Hinrichtungsstätten. Das mag sich nicht immer einfach lesen. Aber ein ungebrochenes Erzählen kann es im Angesicht der Katastrophe nicht mehr geben.

Kevin Vennemann, geboren 1977, aufgewachsen in Westfalen, hat bislang 2004 den Erzählband Wolfskinderringe veröffentlicht. Die Protagonisten sind meist jung und heutig, ihre Probleme nur bedingt existentiell. Sein erster Roman hingegen ist nicht nur ein artifizielles Sprachkunstwerk, sondern eine ebenso bewegende wie durchdachte Auseinandersetzung mit dem europäischen Judentum und seiner Vernichtung. Zwar verfährt der Autor mit historischen und geographischen Details sparsam. Dafür werden viele mit der jüdischen Assimilation und dem Antisemitismus konnotierte Elemente auf die Familie bezogen und in einen neuen Kontext gestellt. Bücher etwa übernehmen in der säkularisierten Familie, in der weder Chanukka noch Weihnachten gefeiert wird und Marians Konversion lediglich eine Stilfrage ist, die Rolle eines Heiligtums, und so ist es bezeichnend, dass in einer der vielen Vorlesesituationen der Familie einige der Bücher ins Wasser fallen und damit den Wendepunkt festhalten, "als Antonina eines Abends am letzten Abend zum Feldweg sieht und leise sagt: Sie kommen."

In dieser Bildungsbürgerfamilie wird viel gelesen und noch mehr erzählt. Die beiden zentralen Berichte im Text sind Entstehungsgeschichten. Der Vater schildert immer wieder eine fast todbringende Schlittenfahrt, die ihn zu seiner zukünftigen Frau führt (und die sich schließlich als fiktiv herausstellt). Sein Sohn Marian hingegen erzählt wiederholt von der Bussardjagd mit seinem Vorgesetzten, die es ihm ermöglicht, Antonina zu heiraten - Ausgangspunkt einer neuen Familie. Beide Episoden dienen der Selbstvergewisserung und sind bitterer Weise das einzige, was von ihren Protagonisten bleibt. Bis sich die Geschichten aus verschiedenen Bruchstücken im Bewusstsein des Lesers zusammengesetzt haben, weiß er längst, dass die Familienbildung keine Zukunft besitzt.

Mit Nahe Jedenew verhält es sich wie mit der Erzählung des Vaters: Sie ist nie so geschehen, sondern wurde von anderen Schicksalen, anderen Geschichten abgeleitet. Aber sie ist poetisch wahr. Am Ende, wenn auch die Existenz der Erzählerin vernichtet wurde, ist das Leben und Sterben der Familie für den Leser höchst gegenwärtig und greifbar geworden. Darin, nicht in der Genese, ähnelt der Roman den großen Texten W.G. Sebalds: Ihm gelingt, das Unfassbare der jüdischen Vernichtung für beklemmende Momente greifbar zu machen. Vennemanns rhythmische Variationen verstören, klingen nach und halten in Atem.


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