Archiv Referenzen

17.01.2011

Die Welt: Eisler-Revue - 145 Minuten Klassenkampf

Schiebermützen-Romantik: Die Eisler-Revue am Berliner Ensemble

Schwarz auf weiß zeichnet sich die Silhouette des Häufleins auf der Projektionsfläche ab, bis die Stoffbahn nach oben fährt und den Blick frei gibt auf eine Revolutionstruppe mit roter Fahne: „Ändere die Welt: sie braucht es!“ singt sie, während es im Orchester grimmig pulsiert. Wer würde dem widersprechen wollen?

Womit die „Hanns-Eisler-Revue“ am Berliner Ensemble umrissen wäre: Gesungen wird, wozu sich nicken lässt, und das in einer Deutlichkeit, die keine Fragen offen lässt. Drei dutzend Lieder des großen, aber immer noch gelegentlich unterschätzten Komponisten reiht Manfred Karge nach einer inhaltlichen Chronologie und ergänzt sie um biografische Details: vom Spartakusaufstand über die Arbeiterbewegung, die antifaschistischen Lieder aus dem Exil bis zu jenen der Nachkriegszeit. Und der Zwölftöner, Kammermusiker und Sinfoniker Eisler? Kommt nicht vor. Sicher, das hätte den Abend gesprengt. So aber bleibt nur die halbe Wahrheit über einen äußerst vielseitigen, sensiblen, hochgebildeten Künstler, unter dessen Namen 145 Minuten lang die Erniedrigten und Beleidigten die Faust heben dürfen.

Hin und wieder stapft er persönlich über die Bühne, für die er so oft komponiert hat: Roman Kaminski knarzt im Staubmantel überm Anzug und mit rotem Wollschal einen Reich-Ranicki-Sound hin, gestikuliert wild mit dem Armen, raucht Kette und schleudert seine bitteren wie heiteren Pointen immer erst im Abgehen Richtung Publikum. Wie die über Eislers Lehrer Arnold Schönberg: „Verfall und Niedergang des Bürgertums: gewiss. Aber welch eine Abendröte!“

Daneben führt Benno Lehmann souverän (und ebenso knarzend) eine lebensgroße Eisler-Puppe mit großer Klappe über die Bühne. Hier gelingt für Momente eine Verfremdung, die das Zeug hätte, die brave Heldenverehrung zu brechen: Wenn eine Aufnahme eingespielt wird, in der Eisler selbst „Anmut sparet nicht noch mühe“ singt, angeraut, etwas kurzatmig, heiser fast, gerade eben die Töne treffend, dann rührt das weniger wegen der drei Kinder, die Karge dazu an die Rampe setzt, sondern wegen der schlichten, pathosfreien Art des Vortrags.

Sonst kommen Zwischentöne nur aus dem Graben: Vor der sich spitz ins Parkett schiebenden Bühne (Karl-Ernst Hermann zitiert mit Glühbirnenrahmen und Gassen den Broadway) stürzt sich das 12-köpfige Orchester unter Tobias Schwenke lustvoll in die vielfältigen Arrangements, arbeitet präzise die rhythmischen Vertracktheiten heraus, filtert das Humptata aus den Märschen und zeigt ein Herz für die leisen Töne. Oben mühen sich sechs Schauspielerinnen und sechzehn Schauspieler um emotionale Geradlinigkeit: Das „Stempellied“ schlenzen die Männer in einer Reihe sitzend im holprigen Berlinerisch hin, beim „Solidaritätslied“ („Vorwärts, und nicht vergessen“) drängen sich mehr und mehr von ihnen hinter ein rotes Transparent, beim „Seifenlied“ regnet es entsprechende Blasen. Der Rest ist Schiebermützen-Romantik.

So findet Karge stets das nächstliegende Bild, um die Texte von Walter Mehring, Johannes R. Becher, Kurt Tucholsky und immer wieder Bertolt Brecht zu illustrieren: Wenn Judith Strößenreuther eindringlich die „Ballade von der ‚Judenhure’“ singt, zeigt sie erst zum Schluss das Schild mit dem Schmähspruch vor, das hinten auf der Projektionsfläche noch einmal gedoppelt wird. Sabin Tambrea schleudert mit nervösem Überdruck „Das Lied vom SA-Mann“ wirkungsvoll über die Rampe und beschmiert sich in der letzten Strophe rot das Gesicht. Oho, da klebt jemandem Blut an den Händen! Mit großer Schlichtheit wiederum trägt Swetlana Schönfeld danach das „Lied der deutschen Mutter“ vor, sitzt einfach nur da und nimmt Tambreas Kopf in den Schoß, was großartig wäre, würden ihr die Töne gelingen.

Viel zu selten entsteht auf der Bühne eine distanzierte Untertreibung, wie sie etwa die legändere Brecht- und Eisler-Interpretin (mit beiden hat sie gearbeitet) Gisela May pflegte. Ihr Überraschungsauftritt nach der Pause, als sie eine etwas ausufernde Eisler-Anekdote erzählte und von Claus Peymann von seiner Loge aus gerüffelt wurde („Die Premiere geht jetzt weiter, Frau May!“), besaß vielleicht deshalb eine solche Aura, weil man ihre Kunst, die meist Reflexionsräume ließ, schmerzlich vermisste.

„Ich habe keine Lust, eine Kunst auszuüben, wo man sein Gehirn in der Garderobe abgeben muss“, hat Eisler mal geschrieben. Genau das aber geschieht am Berliner Ensemble: Man bekommt alles so deutlich vorgekaut, dass ein Mitdenken überflüssig wird.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt