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07.02.2012

Berliner Morgenpost: Im Grips Theater müssen Erwachsene nachsitzen

Ein Elternabend läuft aus dem Ruder - in der Komödie "Frau Müller muss weg". Sönke Wortmann inszenierte das Stück von Lutz Hübner für das Berliner Grips Theater. Für Erwachsene mit schulpflichtigen Kindern ist es ein Muss.

Weisheiten wie „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ sind nicht besonders originell. Es sei denn, man verpackt sie so geschickt wie Lutz Hübner in seiner bissigen Komödie „Frau Müller muss weg“: Fünf Eltern treffen sich mit der Lehrerin ihrer Kinder, um ihr im Namen aller mitzuteilen, dass sie die Klasse 6b abgeben soll. Die Stimmung sei mies, die Noten schlecht, und dann gibt es da noch Gerüchte um ihre psychische Verfassung...

Natürlich stellen sich die aufgebrachten Eltern mit der Aktion selbst ein Bein, aber bevor am Ende alles anders kommt, als man denkt, lässt Hübner in seiner „Komödie über einen Elternabend“ pointenreich hauen und stechen. Sowie sich abzeichnet, dass das Problem eher bei den ehrgeizigen Erziehungsberechtigten liegt, die ihre Kinder um jeden Preis aufs Gymnasium hieven wollen, und bei den verzogenen Gören, die sich gegenseitig quälen, bröckelt die Einheitsfront. Obwohl sie sich duzen und offenbar schon länger kennen, kämpfen plötzlich Ossis gegen Wessis, Frauen gegen Männer, die Karriere-Typen gegen die Hausfrau und den Arbeitslosen.

Nun wütet der „Gott des Gemetzels“ unter ihnen, und mit der steigenden Schlagzahl der Pointen brodelt es – nach einem Erfolgszug des Stücks durch halb Deutschland – nun auch im Grips Theater gefährlich. Dessen Coup, nach zehn Jahren Theaterabstinenz den Filmregisseur Söhnke Wortmann um die Regie zu bitten, geht auf. Wie in „Der bewegte Mann“ lässt er die Figuren am Rand der Karikatur balancieren, um sie rechtzeitig mit Menschlichkeit zu federn. Und wie in „Das Wunder von Bern“ verwandelt sich das auf einer u-förmigen Tribüne um die Spielfläche sitzende Publikum zum höchst lebendigen Co-Akteur, der jeden verbalen Treffer bejubelt wie Tor.

Dass der Abend so zündet, liegt aber mindestens ebenso sehr an den Grips-Schauspielern, die sich so natürlich zwischen Schulbänken, Tafel und dem Herbstprojekt (von der Decke hängt ein Mobile aus Ästen, Laub und den Schülernamen, in der Raummitte steht ein Glaskasten mit Blättern und Kastanienmännchen) bewegen, als hätten sie die Situation schon selbst erlebt: Katja Hiller stöckelt ihre Elternsprecherin Jessica (Motto: „Nur keine Gefühlsausbrüche!“) als Ego-Schnepfe hin, die Frau Müller so eiskalt abservieren will wie eine Untergebene. René Schubert pendelt als arbeitsloser Jammerossi Wolf zwischen großer Klappe und emotionaler Tollpatschigkeit. Die sympathische Katja mit Streberallüren behält bei Nina Reithmeier eine schwebende Unergründlichkeit (was dramaturgisch allerdings nötig ist: Warum sollte ausgerechnet sie eine Affäre mit dem Loser beginnen?), Rolands Wolfs Ingenieur Patrick entwickelt sich vom stillen Mitmacher zum aalglatten Karrieristen und dessen Frau Marina bei Alessa Kordeck zur hysterischen Pute, die als Oberglucke glatt übersieht, dass ihr armer Außenseitersohn der Aggressor ist. In nur 80 Minuten erweist sich die Handvoll Erwachsener so als eine Gruppe schlimm Pubertierender, die ihren Kindern locker das Wasser reichen können.

Und Regine Seidler? Sie hat als Frau Müller, die immer wieder Gedankenlichtungen in den Lachdschungel schlägt, den wahrscheinlich schwersten Part. Ihre Lehrerin muss den überhaupt nicht witzigen Spagat zwischen freundlicher Unverbindlichkeit, Bestürzung, Kampfesmut und Selbstkritik glaubwürdig hinbekommen – ohne würde das Stück wie ein Soufflé in sich zusammenstürzen. Wie ihr Lächeln erstarrt und zur Maske wird, wie plötzlich ihr Gesicht einfällt, ihr Körper von der ungeheuren Anspannung und Willenskraft erzählt, mit der sie sich gegenüber den Eltern behaupten muss, ist von subtiler Wucht.

Zu Beginn steht übrigens eine Aufgabe an der Tafel, darunter „lernen und verstehen“ – verstehen ist dabei drei Mal unterstrichen. Eine Notiz, die natürlich auch an uns gerichtet ist. Nachsitzen für Erwachsene, für die auf der Bühne wie die im Publikum? Dafür ist das Grips, das einst als Mutmachtheater für Kinder gegründet wurde, nun wirklich der richtige Ort.


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