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23.01.2012

Berliner Morgenpost: Der Teufel versucht es mit neckischem Hüftschwung

Wie war das noch mal mit dem Kampfbegriff Regietheater? Waren damit nicht jene Regisseure gemeint, die eigenmächtig einen Stücktext verändern und sich mit ihren szenischen Visionen daran abarbeiten?

Dann jedenfalls ist der solchen Versuchungen sonst so unverdächtige Manfred Karge jetzt einer von ihnen. Denn am 100. Todestag des Expressionismus-Dichters Georg Heym brachte er dessen "Faust"-Fragment von 1911 auf die Bühne - oder das, was er sich darunter vorstellt. Schließlich hatte Heym nur ein paar unzusammenhängende Ideen und szenische Entwürfe hingekritzelt, die keinen roten Faden erkennen lassen. Das Ganze lief wohl auf eine die wilhelminische Ordnung sprengende Goethe-Travestie hinaus.

Was aber Karge jetzt im Pavillon des Berliner Ensembles zeigt, ist ein in sich geschlossener Dramentext. Das Notiz-Gerippe hat er mit dem gefüllt, was im schmalen Werk - Heym ertrank beim Schlittschuhlaufen mit nur 24 Jahren - so aufzutreiben war: Tagebücher, Gedichte, Briefe. Aus Faust macht er einen Studenten, der mit Heym so einiges gemein hat und in einer Kneipe seinen Rausch austräumt. Während dieses Traums stolpert er mit dem Teufel zwischen Amtsstube, Lunapark und den Dächern der Stadt herum, quält sich mit der Liebe, will Revolutionär werden und bleibt doch nur der arme Student mit Möchtegern-Schmiss.

Szenisch bleibt das so bieder, wie man es von Karge gewohnt ist: Einzig ein roter Mond mit Smiley-Gesicht über dem langen Kneipentisch verzerrt die Guckkasten-Szene surreal. Ansonsten rauschen die historischen Gewänder, werden Heym-Gedichte in Brecht-Manier frontal zum Publikum gesungen und Karikaturen statt Charaktere gezeigt. Überhaupt weiß man nicht so recht, was man mit diesem Studenten soll, den Andy Klinger als naiven Möchtegern spielt. Wenn Heym wirklich so ein Zauderer mit großer Klappe war, dann hätte man besser daran getan, davon an seinem 100. Todestag pietätvoll zu schweigen. Patrick Bartschs Teufel ganz in Rot und Schwarz, mit niedlichen Hörnchen auf dem Kopf und neckischem Hüftschwung, macht auf lasziven Verführer, die Mädels sind kokett und züchtig, die Herren streng und steif. Wie man sich das eben so vorstellt am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dazwischen hüpft Peter Luppas "Neger" mit Schuhcremegesicht und Rastalocken herum (Didi Hallervordens Schlossparktheater ist also kein Einzelfall) und will die Marseillaise singen - allein der Teufel lässt ihn nicht: verflixt!

Am Ende von Heyms "Faust"-Fragment steht: "Wer das Tragische mit dem Komischen mischen kann, hat ein tieferes Lebensgefühl." Stimmt. Karges Nach- und Neudichtung aber ist weder tragisch noch komisch. Über der Bühne steht "Neopathetisches Cabaret" - das war jener legendäre Ort, an dem die jungen Expressionisten um Heym und Jakob van Hoddis ihre Werke vorlasen. Es ist aber doch nur das Berliner Ensemble.


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