Archiv Referenzen

09.02.2012

Berliner Morgenpost: Warten auf Odysseus - Griechische Mythen im Alltagstest

Wo die Götter verrückt sein müssen, gleicht ihr Handeln einem Kinderspiel: Goldige Jungs sind Zeus und Poseidon, altkluge Weltherrscher, die leichtfertig über die Schicksale von Menschen verhandeln.

Zum Beispiel über Odysseus, Held der "Odyssee": Für den Versuch, nach seinem kriegsentscheidenden Coup mit dem hölzernen Pferd von Troja aus ins heimische Ithaka zurückzukehren, braucht er zehn Jahre. Währenddessen wächst sein Sohn Telemach vaterlos auf, altert seine Frau Penelope, wird von Männern bedrängt. Natürlich zieht im Theater die Kinder-Karte immer, aber bei diesem "Odyssee"-Projekt des Jungen DT hat sie eine besondere Berechtigung. Gut 20 Laien, neben Kids und Jugendlichen auch vier Senioren und viele Jungendliche, klopfen den Mythos auf seine Tauglichkeit fürs eigene Leben ab. Und siehe da: Er ist ergiebig. Der abwesende Vater, die dominante Mutter, Warten, Abenteuer, Sehnsucht - das alles reflektieren die Akteure.

Regisseur Uli Jäckle und sein Team haben sich aus der "Odyssee" die prägnantesten Szenen gefischt, lassen sie in den Kammerspielen des Deutschen Theaters nachspielen, kommentieren sie und blenden dazu immer wieder Off-Kommentare der Akteure ein. Fließend gehen im weiten Halbrund aus grauen Holzplatten, die sich mehr als einmal als Bänke herausstellen, Spiel- und große Ensembleszenen ineinander über, wo sich aus alltäglichen Bewegungen Choreografien entwickeln und das Stampfen der Freier etwa (wenn Telemach zusammengeschlagen wird) zum einmütigen Sirtaki-Tanz wird.

Wie überhaupt der Abend als einer für die ganze Familie ziemlich gut funktioniert. Auch wenn manche Momente den Charme von Aufwärmübungen besitzen und die schauspielerischen Talente der Laien-Truppe ungleich verteilt sind, bleiben einige bemerkenswerte szenische Momente und einige kluge Gedanke zu Homer. Zum Beispiel dieser: Nachdem das blutige Ende gleich zum Start abgefrühstückt wird (da prügeln sich zwei Jungs mit imaginären Schwertern), kommt am Ende Odysseus als Greis mit seinem Foto-Album an. Niemand hört ihm zu, diesem langweiligen Buchhalter der eigenen Heldentaten. Dabei hat er was zu erzählen - wie dieser Abend.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung