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09.02.2012

Nürnberger Nachrichten: Die besten Chöre für Nürnberg

Folkert Uhde heißt der neue künstlerische Leiter der Internationalen Orgelwoche Nürnberg. Wir trafen den Musikmanager an seiner derzeitigen Wirkungsstätte in Berlin.

Dieser Mann hat sieben Leben, mindestens: Er war Straßenmusiker, lernte Radio- und TV-Techniker, studierte Kommunikations- und Musikwissenschaft an der TU Berlin und Barockvioline an der Akademie für Alte Musik Bremen – gleichzeitig. Dann wurde er Musikmanager, betreute elf Jahre lang die Berliner Akademie für Alte Musik, gründete mehrere Festivals, eine Agentur – und 2006 gemeinsam mit Jochen Sandig das Radialsystem V, Berlins innovativste Spielstätte für Tanz, Musik und Theater.

Ab 2013 leitet Folkert Uhde nun auch noch die Internationale Orgelwoche Nürnberg. Bei der Energie, die der schlanke 46-Jährige mit raspelkurzer Frisur, graumeliertem Dreitagebart und wachem Blick beim Gespräch verströmt, traut man ihm zu, dass er parallel schon das nächste Projekt entwickelt. Wenn man mit ihm über seine Pläne spricht für die vier Jahre, die sein Vertrag zunächst läuft, fällt bemerkenswert oft das Wort Dialog – der Dialog zwischen Musik und Architektur, zwischen Alter und Neuer Musik, mit dem Publikum. Nach den leicht autistischen Programmen der Ära Wilfried Hiller klingt es wie ein Versprechen.

„Ich glaube, das Geheimnis für den nachhaltigen Erfolg dieses Festivals ist es, international sehr hochkarätige, exemplarische Interpretationen zu zeigen und neue Konzepte für die Bespielung von Räumen zu entwickeln“, sagt Uhde. „Wie kann man einen Rahmen schaffen, der das Hören sinnlich intensiviert?“ Mit dieser Frage beschäftigt sich der Musikmanager schon lange. Im Berliner Radialsystem V, einem historischen Pumpwerk, in dem nun unterschiedlichste Kulturströme zusammenfließen, sich Jazz und Klassik, Tanz und Performance zu neuen Kunstformen verbinden und immer wieder neue Besucherschichten ansprechen, hat er erfolgreich verschiedene Formen ausprobiert - etwa die Nachtkonzerte, bei denen man der Musik im Liegen zuhört.

Importieren will er diese Formen nicht, sondern neue entwickeln. „Es gibt in Nürnbergs Altstadt großartige historische Räumen, das kann man so schnell nicht wiederfinden“, sagt er begeistert. Für sie will er maßgeschneiderte Konzepte entwickeln. Zum Beispiel mit dem RIAS Kammerchor, einem hervorragenden Ensemble, das Palestrinas Missa Papae Macelli mit Musik von Bach bis Messiaen durchmischen und den gesamten Kirchenraum bespielen wird: „Es geht um eine Raum- und Klangdramaturgie, in der das Publikum eine Rolle spielt.“

Uhde verspricht, „die besten Chöre der Welt“ nach Nürnberg zu holen. Er will die lokale Kirchenmusikszene miteinbeziehen und das Festival weiter zum Publikum öffnen. Außerdem wird er mit Konzertformen und Anfangszeiten experimentieren: „Nachts herrscht eine völlig andere Stimmung.“

Obwohl Uhde von der Alten Musik kommt, soll die ION kein Alte-Musik-Festival werden, sondern eine große Bandbreite bieten, im Repertoire wie in den Aufführungsformen. Ein gelungenes Festival vergleicht er mit einem Film: „Es muss einen guten Anfang haben, dann darf’s zwischendrin mal ein bisschen dahinplätschern, es muss Zwischenhöhepunkte geben, dann muss es spannend werden, breiter, an Fahrt aufnehmen, damit sich schließlich ein Gesamtbild ergibt.“

Mit Uhde wurde auch das von ihm vor 15 Jahren mitbegründete Uhde & Harckensee MusikManagement beauftragt, die ION zu stemmen. „Das ist eine Frage der Arbeitsaufteilung“, sagt Uhde. Die in künstlerischer Logistik erfahrene Agentur soll ihm bei der Konzeption den Rücken freihalten. Schon jetzt etwa läuft ein Antrag bei der Kulturstiftung des Bundes auf Förderung einer Koproduktion mit dem Radialsystem, der ION und einem dritten internationalen Partner. „Für solche komplexeren Sachen, von denen wir etliche machen wollen, braucht es eine effiziente Struktur.“ In der Tatsache, dass die Agentur auch Musiker und Ensembles vertritt, sieht er kein Problem: „Wenn ein Künstler kommt, mit dem wir ohnehin schon zusammenarbeiten, ist es ja selbstverständlich, dass man dafür keine extra Provision nimmt.“

Bleibt eigentlich nur noch die Gretchenfrage: Muss der Leiter der ION ein gläubiger Mensch sein? „Definitiv nicht, sonst dürfte ich das nicht tun“, sagt Uhde. Der gebürtige Wilhelmshavener wurde allerdings stark von der christlichen Tradition geprägt: „Ich bin mit Kantorei-Singen, Schütz- und Bachkantaten groß geworden und stelle immer wieder fest, dass ich deutlich bibelfester bin als die meisten Menschen, die wenigstens ab und zu mal in die Kirche gehen.“ Außerdem schätzt er die archaische Kraft der Bibeltexte. „Ohne diese Tradition kann man unsere Kulturgeschichte nicht verstehen und auch unsere Gegenwart nicht.“


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