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11.02.2012

nachtkritik.de: Brav aufs Knie geküsst

Der Meister und Margarita – Wolfgang Engel inszeniert Bulgakow in Dresden

Ist er nun echt oder nicht? Nachdem sich der grüne Rausch, der sekundenlang durchs Dresdner Staatsschauspiel flitterte, erwartungsgemäß als Theatergeld entpuppte und auf der Bühne Philipp Lux erklärte, dass es im Roman an dieser Stelle echte Rubelscheine regnen würde, taumelt ein einsamer 50-Euro-Schein kurvenreich von der Decke. Angeblich hat ihn der Intendant bewilligt, um in jeder Vorstellung einen Zuschauer zu beglücken. Und tatsächlich bestätigt der Herr, der den Spätzünder fängt, die Echtheit des Geldes.

Ob der später zu Papierschnipsel zerfällt wie der Moskauer Geldsegen bei Michail Bulgakow? Oder ob ihn ein Theatermitarbeiter in der Pause wieder eingesammelt hat? Natürlich ist das egal und führt ziemlich weit weg vom genialen Roman "Der Meister und Margarita", den Bulgakow von 1928 bis zu seinem Tod 1940 schrieb. Das ist auch das Problem von Wolfgang Engels Inszenierung. Obwohl er etliche Regieregister zieht, bleiben seien Mittel zu schwach, um mehr zu erzählen als eine solide Inhaltsangabe.

Wuchtige Körper in Variationen

Für die hat Felicitas Zürcher eine taugliche Bühnenfassung erstellt, in der sie die drei Erzählstränge mitunter ähnlich kunstvoll ineinander webt wie Bulgakow: den vom Schriftsteller, nur Meister genannt, und seiner Geliebten Magarita, den seines Romans um Pontius Pilatus und den um den Teufel Voland und seiner Entourage, die das Moskau der 1920er Jahre aufmischen. Olaf Altmann hat zwei wuchtige schwarze Körper auf die leere Bühne gestellt, einen Quader und einen auf dem Grundriss eines stumpfen Dreiecks, die sich zu immer neuen Konstellationen fügen und Kerkerwand sind, Klagemauer, Hochhaus oder auch reinster Suprematismus.

Hier löst sich Bulgakows heiterer Schmerzens- und Racheroman, seine satirische Abrechnung mit dem durchbürokratisiert lebensfeindlichen frühen Sowjetsystem, seine Geschichte einer großen Liebe und die heute mindestens ebenso absurd erscheinende Utopie eines Anarcho-Christentums in relativ brave Szenen auf.

Spaß an lässigen Ausschweifungen

Deutlich streicht Engel die Bezüge zu Goethes "Faust" heraus, aber die Szenen zwischen Margarita und dem Meister schrammen dennoch (oder deshalb?) arg den Kitsch: Benjamin Höppners verbotener Schriftsteller als reiner Tor guckt bedröppelt, während sich Nele Rosetz' kindlich spinnerte Geliebte an ihn klammert – in Variationen.

Leben kommt immer dann in die Bude, wenn Teufel Voland und sein Gefolge auftauchen. Matthias Reichwald macht da in viriler Glatze und elegantem Schwarz auf Charmebolzen, lässt kontrolliert seine Hände tanzen und seift seine Tonspur ironisch. Um ihn wuselt eine reizende Gangster-Combo, die mit Klavier, Trompete, Tuba, Schlagzeug und Akkordeon Schlager, Filmmusik und Klassik höllisch fröhlich verzerrt, und vor allem Philipp Lux als Korowjew und Stefko Hanushevsky als Kater Voland sieht man den Spaß an, den sie bei ihren lässigen Ausschweifungen und Taschenspielertricks haben.

Wenn sich aber Reichwald mit einer Gelhaar-Perücke in Pilatus verwandelt und aus Thomas Braungardts nervösem, aber sehend werdenden Lyriker Besdomny ein nackter und naiv-sanfter Jeschua Ha-Nozri (also: Jesus von Nazareth) wird, vermisst man bei diesem unterkühlten Krippenspiel den wärmenden Teufelsspuk doch enorm.

Nur ein kleines Tänzchen

Statt Bilder findet Engel zumeist Abbilder, die nah am Klischee oder an der Karikatur gebaut sind. Und wenn er mal nicht illustriert, wirkt auch das seltsam kraftlos: Auf Volands Ball, bei dem Margarita zu seiner Hexe und Königin einer Nacht wird (und sich nackt von allem aufs Knie küssen lassen muss), leert sich die Bühne. Nur Voland und Margarita tanzen eine gefühlte Ewigkeit zum berühmten Schostakowitsch-Walzer (treffend, weil der Komponist ein ähnlich schwieriges Verhältnis zur Macht hatte wie Bulgakow). Sie ist ihm nicht gewachsen, stürzt, rafft sich auf, wird von ihm mitgeschleift, umhergeschleudert, taumelt aber immer wieder willensstark in seine Arme...

Die Szene mit dem Geldregen übrigens, in der Bulgakow das Moskauer Theaterpublikum (also: die Gesellschaft) als gierige Konsumopfer zur Kenntlichkeit verzerrt und die in Dresden mit großem Budenzauber, drei Fake-Besucher und besagtem Geldtrick zelebriert wird, erntet heftigen Jubel und großen Applaus. Dass sie trotz des Aufwands so gar nicht wehtat, nicht einmal verwirrte mit ihrem Grenzritt zwischen Fiktion und Realität, ist die stärkste Irritation des Abends.


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