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25.02.2012

Berliner Morgenpost: Schneegedichte, Blutspenden und ägyptische Revoluzzer

Am besten war das Schinkenbrot mit selbstgemachter Remouladensoße. Oder doch der Pflaumenstreuselkuchen? Oder vielleicht die Kartoffelsuppe, die der Kollege so lobte, die aber wirklich keinen Platz mehr hatte?

Es ist ein Kreuz mit übervollen Buffets, mit dem Catering in den Sophiensälen ebenso wie mit dem Performance-Angebot beim "100° Berlin"-Festival: Bis Sonntag präsentieren etwa 130 freie Gruppen und Einzelkämpfer im Stundentakt ihre Programme im HAU und den Sophiensälen. Geld gibt's keines für die Künstler, dafür dürfen alle auftreten, die sich rechtzeitig angemeldet haben. Zu verlieren haben sie nichts: Einem öffentlichen Scheitern steht eine Aufmerksamkeit gegenüber, die sich durchaus in bezahlten Engagements niederschlagen kann, wie etliche Preisträger der vergangenen Jahre beweisen. Neben der Jury ist auch sonst viel Fachpublikum unterwegs.

Und das weiß: Hinter jeder Ecke könnte eine bahnbrechende neue Ästhetik lauern, das nächste große Ding auf dem Performance-, Tanz- und Kunstmarkt. Mindestens genauso wahrscheinlich aber ist Fremdschäm-Langeweile. Wie in "Ich möchte immer noch mit dir tanzen, Ägyptisches Revoluzzertum" der Zürcher Gruppe Neue Dringlichkeit: Bei ihrem Auftakt im HAU 2 reflektieren die drei Jungs und zwei Mädels ziemlich pennälerhaft ihren Wunsch, Teil des arabischen Frühlings zu sein. Auf dem Höhepunkt spenden sie live auf der Bühne Blut, nur um damit ein Schild zu malen: "Enjoy the revolution". Ironie oder vollkommene Selbstüberschätzung? Szenisch jedenfalls bleibt das zwischen Occupy-Zelt, Leinwand, abgefilmten Fotos und nackten Brüsten bieder.

Schon nach einer Viertelstunde gehen die ersten, bei der Blutspendenaktion leert sich der Saal noch einmal merklich und der Schlussapplaus wird auch vor allem von ein paar Hardcore-Fans getragen. Das Publikum ist jung, hipp, trägt Nerd-Brillen und den derzeit obligatorischen Stoffbeutel.

Sprechkaraoke im HAU

Eigentlich könnte man jetzt mal den Ort wechseln. Klappt aber nicht, weil die Zürcher ihr Zeitfenster voll ausgereizt haben. Also bleibe ich gleich im Foyer des HAU 2, wo Transistor Collective "Songs - Karaoke Storys" zeigen. Das Prinzip ist witzig: Geschichten von Leuten aus aller Welt, die mit einem bestimmten Lied in Verbindung stehen, werden jetzt von Menschen aus dem Publikum vorgelesen - Sprechkaraoke sozusagen. Nur ist ein spannender Vortrag nicht jedem in die Wiege gelegt; das dröhnt zwar nicht so böse wie ein schräg gejaulter Song, nervt dafür mit Langeweile.

Also gehe ich um die Ecke ins HAU 1: In einer der zum Rotlicht-Schaufenster umdekorierten Türen sitzt eine aufgetakelte, bestrapste Dame. Im Rangfoyer folgt die Auflösung: Karten versprechen eine "intime orale Behandlung", daneben ruht auf rotem Kissen ein Telefon. Ich entscheide mich für Dido, die Jungfrau, und die Sängerin am andern Ende der Leitung seufzt mir live Purcells berühmte Arie "When I am laid" in die Ohren.

Es ist die interessanteste der hier versammelten Installationen und Videos. Auf der Bühne hinter dem Eisernen wird's dann zum ersten Mal richtig spannend: Florentina Holzinger und Vincent Riebeek zeigen eine Vorstufe zu ihrem Abend "Spirit", der im Herbst in Belgien Premiere haben wird. Sofort spürt man, dass hier Profis unterwegs sind, denn die etwas beliebigen Aktionen - falsche Fährten, verwirrende Geschichten, nackte Tänze mit großen chinesischen Kindskopfmasken und Bühnenblut - könnten vollkommen nach hinten losgehen, bleiben aber faszinierend. Der Clou, dass Tarotkarten den Sinn des Ganzen offenbaren, wird nicht eingelöst, weil die beiden die Zeit überziehen und ihnen der Strom abgedreht wird.

Wieder erübrigt sich ein Ortswechsel, trotz des prall gefüllten Programmbuchs, also stolpere ich in den Saal des HAU 1. Ein korpulenter Performer nuschelt meditativ in sein Mikro, empfiehlt uns den Genuss der Stille (im Hintergrund wuseln aber die Nebengeräusche im Loop), liest Schnee-Gedichte und -Zitate vor und schaut marthalerhaft langsam in die Gegend.

Dennoch eile ich weiter, diesmal in die Sophiensäle. Eine weise Entscheidung, denn während sich das Publikum im HAU ziemlich verteilt, herrscht hier im Hof und im Foyer rund ums wirklich leckere Bio-Buffet ausgelassene und dicht gedrängte Festivalstimmung. In der Kantine gibt's "heteroSexuelle pleiteJungs" von What LolaWants: Drei Performer ahmen verfremdet das Rollenspiel einer Pornoseite nach, wo angebliche Collegeboys mit Freundin sich beim schwulen Sex filmen lassen. Das ist solange schräg und witzig, bis die plakative Frage ans Publikum weitergespielt wird, für wie viel Geld man derart käuflich wäre.

Beim Mitternachtsgespräch, bei dem Anna K. Becker und Katharina Bischoff vom Performanceduo bigNOTWENDIGKEIT alle in den Sophiensälen gezeigten Sachen durchdiskutierten und teils harsch bewerteten, entspinnt sich dann auch eine intensive Diskussion mit den Machern und dem Publikum. Plötzlich wird mit offenen Karten darüber gestritten, was eine Performance zu Kunst macht und was nicht - und so ergibt sich noch weit nach Eins einer der spannendsten Momente des Abends.


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