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25.02.2012

nachtkritik.de: Das Geld als Wille und Vorstellung

Der Kirschgarten – Stephan Kimmig schattiert Tschechow zwischen prallem Leben, Ironie und Melancholie

"So viel Geld – das ist grotesk", sagt Ljubow Andrejewna, als sie erfährt, dass und für welche Summe Lopachin ihr Gut gekauft hat. Ein Satz, der so nicht bei Anton Tschechow steht. Und auch nicht in der Übersetzung von Thomas Brasch, aber offensichtlich in dessen Bearbeitung des "Kirschgarten", in der alles etwas deutlicher, direkter gesagt wird als gewohnt. Man hat im Deutschen Theater auch ein bisschen den Eindruck, dass Ljubow Andrejewna, deren Gut (nebst berühmtem Kirschgarten) versteigert wird, um die Schulden zu tilgen, Griechenland ist und Lopachin, der neureiche Ex-Bauer, die EU oder Deutschland oder China, so genau geht das natürlich nicht auf, zum Glück.

Besitz und das Verhältnis zu ihm steckten ja schon immer in Tschechows letztem Stück, hier aber wird's zum beherrschenden Thema: Ljubow Andrejewna haut die Kohle heraus, als klebe das Blut ihres Sohnes dran, klammert aber umso fester am identitätsstiftenden Grundbesitz, Lopachin hat Geld längst zum Lebensinhalt erklärt und kriegt darüber das Leben nicht auf die Reihe, der Student Trofimow verdammt es als Quelle der Ablenkung, schnorrt sich aber durch bei jenen, die es haben, Warja braucht es, um zu heiraten oder wegzugehen und sieht natürlich keine Kopeke.

Während verbal also die Ökonomie sich in alle zwischenmenschlichen Beziehungen drängt und zumindest eine Erklärung dafür ist, warum es im "Kirschgarten" zwar ständig knistert, aber alle aneinander vorbeilieben und -sehnen, sieht man auf Katja Haß' großartiger Bühne normgestanzte Russlandromantik: Weiß ist ihr Landhaus, ein Stahlgerüst, in dem Metalltüren hängen, spitzenartig durchbrochen mit einem Muster, das an russische Folklore erinnert. Wenn von hinten das Licht durchscheint, strahlt es sakral durch die vielen kleinen Öffnungen. Ähnlich der Spagat in den ziemlich heutigen Kostümen von Anja Rabes: Stil ist hier keine Klassen-, sondern eine Einstellungs- und Geschmacksfrage.

Geister der Vergangenheit

Stephan Kimmig ist ja eigentlich ein Meister des Subtilen, des verhaltenen, tastenden Tons, der einen mit Fremdheit konfrontiert, aber so lange fest an die Hand nimmt, bis man vollkommen mitgeht bei seinen Tiefenbohrungen. Beim "Kirschgarten" dreht er laut auf: Kaum ist es hell, platzt die erste Kunstblutpatrone: da schießt Lopachin das Rot übers Gesicht nur bei der Erinnerung an ein Nasenbluten. Der Buchhalter Jepichodow knallt gegen einen Pfeiler und zermanscht die mitgeschleppten Tulpen, eine Kaffeetasse zerbirst. Als Ljubow Andrejewnas Familie eintrifft (sehr schön stehen sie da plötzlich hinter der Tür des in der Mitte verborgenen Raums, als wären sie immer schon dagewesen, aber zwischenzeitlich vergessen worden), fährt der Begrüßungstaumel als Zeitlupe in ihre Glieder. Eine Schonfrist nur, denn jetzt hetzt alles herum und wuselt mit einer Hypernervosität über die Bühne, die einen noch im Parkett ergreift: "Ich bin zuhause", sagt Nina Hoss' Gutsbesitzerin, rennt und zappelt aber, als müsste sie jeden Moment wieder los, während von Ferne eine spieluhrartige Musik tönt, als riefen die Geister der Vergangenheit.

Dieses Laute, Direkte lässt erst mal nur Umrisse zu, aber die zumeist fabelhafte Truppe der DT-Schauspieler baut in den nächsten knapp drei Stunden dann doch Charaktere auf, rau, angenehm unfertig und dabei enorm plastisch, wie angestoßen vom Leben. Einmal, da sitzt Felix Goesers Lopachin zwischen dem Geschwisterpaar: Kurz spielen sie Autofahren, eine Reminiszenz an die gemeinsame Kindheit, und dann lehnen sich Nina Hoss und der tapsige Christoph Franken zärtlich an den so selbstverständlich sicher thronenden Bauernsohn, nesteln an ihm herum – ein utopischer Moment. Bis Lopachin mit der Abholzung des Kirschgartens anfängt. Sofort sind die Gräben wieder offen, tief: Hier die, die sich über ihre Vergangenheit definieren (und nur deshalb den Besitz brauchen), dort der in die Zukunft hinarbeitende, für den Besitz Geld ist.

Unlösbarkeit der Konflikte

Goeser ist in seiner virilen Selbstverständlichkeit natürlich wahnsinnig präsent; wenn er lacht, dann blitzt auf seinen massiven Zahnreihen das blühende Leben, ein Bär, der lammfromm wird und kreidestimmig nur bei Ljubow Andrejewna. Nachvollziehbar, schließlich ist Nina Hoss auf anbetungswürdige Weise zerrissen zwischen emanzipierter Zeitgenossenschaft und Tschechow-Leid, Herrin und kleinem Mädchen, eine Spielerin mit Launen wie Frühlingswetter, die allein deshalb den Männern so auf die Haut rückt, weil sie nichts von ihnen will. Lachen und Weinen gehen oft in eins, und großartig ist, wenn sie bei "Gott erbarme dich" die Hände zum Himmel reckt und ihre Stimme vor ironischer Distanzierung und abgrundtiefer Verzweiflung gleichermaßen bebt.

Und doch wirkt das nur vor dem Tableau eines Ensembles, in der lauter spannungsreiche Charaktere die Unlösbarkeit der Konflikte herausspielen, bis in die Nebenrollen: Katrin Wichmanns Dunjascha platzt fast vor Lebenslust und -sehnsucht, Thomas Schumachers Jascha zelebriert eine berührbare Coolness und Helmut Mooshammers Firs hinter dicker Maske rührt einen stärker an als so mancher echte Greis in dieser Rolle.

Ja, dieser Abend hat seine Schwächen, merkwürdige Spannungslöcher nach der Pause etwa, wo auch die gelegentliche Überdrehtheit aufgesetzt wirkt. Dann wieder fasziniert der direkte, rohe Zugriff, dieses angenehme Schattieren zwischen prallem Leben und Melancholie, das unsentimental hohe Tempo. Dieser "Kirschgarten" ist ehrliche Arbeit – und von den jüngsten Berliner Versionen ganz sicher der spannendste.


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