Kolumne: Einfach nur die Wahrheit sagen

Kolumne: Einfach nur die Wahrheit sagen

Für viele queere Menschen gibt es in unangenehmen oder gefährlichen Situationen eine Tarnkappe: das Passing. Kann funktionieren. Warum Sichtbarkeit dennoch wichtig ist.

Malte C. ist tot. Er starb vor einem Monat, am 2. September. Eine knappe Woche zuvor hatte ihn ein junger Mann attackiert, als der trans Mann versuchte, beim CSD in Münster eine Gruppe von Frauen zu verteidigen, die der Angreifer als „Lesbische Hure“ beschimpfte. Beim Angriff wurde der 25-jährige so stark verletzt, dass er wenige Tage später im Krankenhaus starb.

Es gibt ja Stimmen, die regelmäßig fragen: Warum seid ihr immer so präsent, so laut, so bunt? Warum braucht ihr immer eine Portion Extra-Aufmerksamkeit? Warum existieren heute noch Coming Outs? Paraden? Queere Safe Spaces? Wo es doch ein Antidiskriminierungsgesetz, eine Ehe für Alle und in Politik und Medien eine hohe queere Sichtbarkeit gibt? Und niemand mehr mit irgendwas ein Problem hat?

Vielleicht, weil auch in Deutschland immer noch mit größter Regelmäßigkeit Menschen angegriffen werden, wenn sie nicht heteronormativen Vorstellungen entsprechen. Hier ein kleiner Auszug der gemeldeten, als queerfeindlich registrierten und vom Onlinemagazin queer.de gesammelten Fälle im September:
29. September: Chemnitz – Schwules Paar nach Angriff verletzt
25. September: Berlin – Schwules Paar homophob beleidigt und angegriffen
25. September: Döbeln – Drei Teilnehmer*innen des CSD im sächsischen Döbeln beleidigt und mit Steinen beworfen
11. September: Berlin – Jugendlicher greift trans Frau mit Pflasterstein an
10. September: Frankfurt/Main – Queerfeinlicher Angriff bei der Frankfurter „Dippemess“
6. September: Frankfurt/Main: Neuer homophober Übergriff an der Konstablerwache
5. September: Bremen – 57 Jahre alte trans Frau von Jugendgruppe beleidigt und schwer verletzt worden
5. September: Berlin – Homophobe Attacke in Schöneberg

Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen, weil viele Übergriffe nicht zur Anzeige kommen oder von der Polizei nicht konsequent als queerfeindlich aufgenommen werden. Bei diesen genannten Beispielen ist niemand gestorben, nein. Aber jeder Angriff, selbst wenn er „nur“ mit einem Schrecken endet, ist einer zu viel. Jedes „Scheiß Lesbe“ und jedes „Fahrt zur Hölle“, im Vorbeigehen zugezischt, gräbt sich ins Gedächtnis. Jedes Anrempeln. Jedes viel zu nah hinter einem herlaufen. Und nicht jeden Tag verfügt man über eine Teflonhaut, an der so etwas abperlt.

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