Theaterkritik: Kommt klar mit euren Narrativen!

Theaterkritik: Kommt klar mit euren Narrativen!

Die Jungfrau von Orleans – Nationaltheater Mannheim – Zum Auftakt der Internationalen Schillertage suchen Ewelina Marciniak und Joanna Bednarczyk die wahre Johanna in Friedrich Schillers romantischer Tragödie

Kann man heute noch Friedrich Schillers “Die Jungfrau von Orleans” aufführen? Was soll uns der religiöse Fanatismus, das mitleidlose Gemetzel, der Glaube an Staat und König? Was die Jungfräulichkeit? Was der Konflikt zwischen Vernunft und Sinnlichkeit? Was Schillers Konzept des Erhabenen?

Dass die Internationalen Schillertage Mannheim es dennoch wagen, hat sicher mit Ewelina Marciniak zu tun. Die Regisseurin hat sich längst einen Namen gemacht – als furchtlose Jelinek-Expertin in einem immer nationalkonservativer agierenden Polen. Als Schöpferin herrlich rhythmischer Roman-Adaptionen wie Der Boxer am Hamburger Thalia Theater. Und als entschiedene Umdeuterin problematischer Stoffe auf aktuelle Diskurse hin, wie zuletzt Der Widerspenstigen Zähmung in Freiburg. Dass dabei mitunter nicht viel übrig bleibt von Dichter-Sprache und -Konzeption, gehört zu den Kollateralschäden, sagt aber auch viel über den Clash der Weltbilder: Müssen wir uns heute den misogynen Quatsch von vor zwei-, drei-, vierhundert Jahren noch anhören? 

Entsprechend hat die polnische Dramaturgin Joanna Bednarczyk für Marciniaks Mannheim-Debüt Schillers Text auf ein Rudiment zusammengestrichen, überschrieben und mit einem wuchernden Kommentar versehen. Man erkennt noch die Stationen und Figuren: den Prolog auf dem Land, in dem Johannas Vater Thibaut seiner Tochter bereits jede Selbstständigkeit abspricht. Das Hoflager in Chinon, in dem der noch ungekrönte König Karl erst allmählich die ausweglose Lage begreift und aufgeben will. Das Schlachtfeld, in dem Johanna so lange unerbittlich wütet, bis sie sich – bei Schiller reichlich unmotiviert – ausgerechnet in einen Feind verliebt, den Engländer Lionel. Die Krönung Karls, die zum Desaster wird, weil Thibaut sie der Hexerei anklagt und Johanna schweigt, weil sie ihr Gelübde gebrochen hat.

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